Hockenheim

Gedenken Synagoge in der Ottostraße brennt in der Reichspogromnacht vom 9. November bis auf die Grundmauern nieder / Malerin Rita Martin-Haas zeichnet Aquarell

Das jüdische Sein in der Stadt zerstört

Archivartikel

Die Veranstaltung zum Pogromgedenken der Stadt, des Arbeitskreis jüdische Geschichte und der christlichen Kirchen in Hockenheim am Montag, 9. November, kann nicht stattfinden, wie die Stadtverwaltung mitteilt. Hintergrund dafür ist die Corona-Pandemie und die gegenwärtig hohen Fallzahlen, die wieder eingedämmt werden müssen. „Diese Entscheidung fällt uns als Veranstaltern schwer“, sagen Oberbürgermeister Marcus Zeitler sowie Felicitas Offenloch-Brandenburger und Klaus Brandenburger vom Arbeitskreis. Sie schmälert aber nicht das Andenken an diese dunkle Zeit. Aus diesem Grund trafen sich OB Marcus Zeitler, Felicitas Offenloch-Brandenburger und Klaus Brandenburger am Gurs-Gedenkstein am Rathaus. Er erinnert an die Deportation der jüdischen Bürger 1940 in das Lager Gurs, einer Zwischenstation nach Auschwitz.

Die Verantwortung und Vorbereitung für das Novemberpogrom war nicht ausschließlich bei der Sturmabteilung (SA) zu sehen. Auch andere NS-Vereinigungen, wie die Schutzstaffel (SS), die Gestapo sowie die Kreis- und Ortsgruppenleiter waren involviert. Der Stabschef der SA-Gruppe Süd-West, Viktor Lutze, erteilte am Abend des 9. November 1938, allen Heimatdienststellen den Befehl, jüdische Geschäfte und Synagogen zu zerstören. Seine Gruppenführer gaben den Befehl sofort weiter. Zeitgleich erging ein Fernschreiben an die Gestapo-Stellen mit der Anweisung: Die Polizei solle sich bei der Aktion gegen die Juden und Synagogen zurückhalten. Das gleiche galt auch für die Feuerschutzpolizei, wie die Feuerwehr von 1938 bis 1945 genannt wurde. Der Befehl ging um Mitternacht im Mannheimer Hauptquartier der SA-Gruppe Kurpfalz ein und wurde um-gehend an die SA-Brigaden weitergeleitet.

Befehl der Sturmabteilung

Die Verantwortungsträger im Hockenheimer Rathaus verstanden den Befehl der SA-Gruppe Kurpfalz nur zu gut. Er lautete: „Sämtliche Synagogen sind zu sprengen oder in Brand zu setzen. Nebenhäuser, die von arischer Bevölkerung bewohnt werden, dürfen nicht beschädigt werden.“ Der Befehl wurde pflichtbewusst umgesetzt.

Bevor das Werk der Verwüstung allerdings seinen Lauf nehmen konnte, trugen Jugendliche alle Kultgegenstände aus der Synagoge in das Jungvolkheim am Messplatz, darunter sieben Thorarollen, die Bibel von Hermann Heß Menachem Friedmann, dem letzten jüdischen Vorbeter und Lehrer, das ewige Licht und eines der wichtigsten Symbole im Judentum, den siebenarmigen Leuchter – die Menora. Vom Jungvolkheim aus reisten die jüdischen Kultgegenstände in private Hockenheimer Häuser. Was damit geschah, ist unbekannt. Aber der Arbeitskreis jüdische Geschichte gibt die Hoffnung nicht auf, dass diese Gegenstände heute noch von Hockenheimer Bürgern verwahrt werden.

Damit die Synagoge schnell Feuer fing, schlugen kräftige Männer mit langen Hopfenstangen die Synagogenfenster ein. Der jüdische Zeitzeuge Horst Baumgarten wohnte in der Schwetzinger Straße 12. 1938 war er 17 Jahre alt. Als die Synagoge brannte, fuhr er mit seinem Fahrrad in die Ottostraße. Hockenheimer riefen ihm auf dem Weg dahin zu: „Horschtl, fohr net weiter, die wäre dich òòh verhafte“. Als er an der Synagoge angekommen war, sagten viele: „Horscht, des tut uns leid!“ Horst sah die brennende Synagoge, die Hockenheimer Feuerwehr und die Schutzpolizei, die tatenlos zuschauten. Warum zünden Hockenheimer das Gebetshaus der jüdischen Gemeinde an? Er verstand es nicht.

Gebäude außenrum geschützt

Der Zeitzeuge Kurt Martin war Messdiener und diente in der Frühmesse. Als er aus der Sakristei der katholischen Pfarrkirche St. Georg kam, sah er die brennende Synagoge und rannte zur Brandstelle. Er sah, dass die Feuerwehr nur zuschaute. Kurt forderte die Feuerwehrmänner auf, zu löschen. Nazi-Schergen schrien ihn an: „Mach, dass hom kummsch!“ Die Feuerwehr schützte nur die umliegenden Gebäude, das „Gasthaus zur Rose“, direkt neben der Synagoge gelegen, das „Schlageter-Haus“ (Parteihaus der NSDAP), neben dem Synagogenhof und die Häuser gegenüber. Die Synagoge ließen sie bis auf die Grundmauern niederbrennen.

Nach dem Brand feierten die Nazis ausgelassen ihren Erfolg im Sturmlokal „Zum Badischen Hof“ in der Adolf-Hitler-Straße, heute Obere Hauptstraße. Die Juden Hermann Maier, Wilhelm Adelsberger, Ernst Weilmann, Ludwig Baumgarten und Herbert Fleischhacker wurden zur Schutzhaft nach Dachau und „Wiesche“, Siegmund Alexander in das Mannheimer Landesgefängnis gebracht. In der darauffolgenden Nacht kam es erneut zu antijüdischen Ausschreitungen. Die Fensterscheiben der jüdischen Häuser wurden eingeschlagen, die Möbel zertrümmert, die Bettdecken aufgeschlitzt, so dass die Federn auf die Straße flogen. Zeitzeugen berichteten: „Man meinte, es würde schneien.“

Die Synagoge in Hockenheim war das Zentrum des jüdischen Lebens. Es gibt viele historische Ansichtskarten von Hockenheim, aber nur eine zeugt von der Existenz des jüdischen Gotteshauses. Auf ihr sind in einvernehmlicher Harmonie die Synagoge und „de Hoggema Riesenspargel“, der Wasserturm, zu sehen. Die Hockenheimer Malerin Rita Martin-Haas zeichnete nach dieser Karte ein Aquarell von der Synagoge und restaurierte auch gleich das beschädigte Original zwischen Hoftor und Mauerwerk.

Dora Dorn versteckt Aufnahmen

Wo sind all die alten Aufnahmen von der Synagoge geblieben? Dies wusste Dora Dorn aus der Bäckerfamilie Dorn, jahrzehntelang eine wichtige Stütze im Gemeindeleben der evangelisch-methodistischen Kirche, ganz genau. Laut ihrer Aussage verboten die Nazis den Besitz bildlicher Darstellungen von jüdischen Einrichtungen unter Strafandrohung. Dorn war einer resolute Frau, die sich „sam Lebdog“ nichts hätte vorschreiben lassen. In weiser Voraussicht versteckte sie die Synagogenkarte beizeiten im Kohlenkeller – ein Glücksfall. Bis heute ist diese Karte ein Unikat. Der Arbeitskreis jüdische Geschichte fand während seiner Recherchen zwar noch Aufnahmen von der Synagoge, die meisten wurden digital übermittelt, aber eine „echte“ Postkarte, wie die von Dora Dorn, war nie wieder dabei. Die Malerin Rita Martin-Haas und Dora Dorn kannten sich – sie waren Freundinnen. zg

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