Hockenheim

Toto-Lotto Erinnerungen an die Anfänge des Glückspiels in der Rennstadt / Für viele Teilnehmer wird das Spiel im Lauf der Jahre zum Ritual

Das Kreuz mit dem Kreuzchen am rechten Ort

Archivartikel

Heute schon investiert? Die Chancen sind ja gestiegen. Beim Lottospiel kann man nun wesentlich mehr gewinnen. So verkündet es die Werbung. Sie sagt jedenfalls, dass es in den Gewinnklassen eins und zwei künftig mehr Geld gibt. Nun ja, dafür wird der Einsatz teurer und die Gewinnquoten in den Gewinnklassen fünf, sieben und acht werden abgesenkt. Aber man hat ja schon immer lieber einen „Sechser“ als einen „Dreier“ gehabt.

Wie hat es doch Woody Allen so schön formuliert: „Das Lottospiel ist nichts anderes als eine Steuer für Menschen, die stark im Hoffen und schwach im Rechnen sind“. Und dennoch: Glücksspiele sind und waren beliebt, vom Beginn des 16. Jahrhunderts sind erste Aufzeichnungen und Informationen darüber zu finden, Lotto hat sich im Laufe der Jahre zu einem „Volkssport in Sachen Glück und Geld“ entwickelt.

Zum Schlosser oder zum Fingberg

Da machte natürlich auch Hockenheim keine Ausnahme. Und wenn jemand früher am Freitag sagte: „Ich muss noch zum Schlosser“ oder „Ich geh‘ noch zum Fingberg“, da wusste jeder, um was es geht: Um Glücksspiele. „Der Schlosser“, das war die Lottoannahmestelle am Bahnhof und „Fingberg“, das waren die Schreibwaren- und Zeitschriftengeschäfte von Martha und Willi Fingberg in der Heidelberger Straße und dem Geschäft des Sohnes Horst Fingberg in der Karlsruher Straße, zwei der „Topadressen“ Hockenheims in Sachen Glücksspiel.

Was hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht alles verändert, allein schon, was die Technik anbetrifft. Mit einem Paginierstempel wurden die einzelnen Teile der Scheine versehen, alles musste in Listen eingetragen werden. Freitag war „Lotto-Tag“ , letzter Tag der Annahme für die Samstagsziehung.

Vor genau zwei Jahrzehnten hatte der zwischenzeitlich verstorbene Horst Fingberg in einem ausführlichen Gespräch mit unserer Zeitung über seine Erinnerungen und Erfahrungen gesprochen, die er in fast einem halben Jahrhundert in seiner Annahmestelle gemacht hatte, individuell, herzlich und humorvoll, wie es seinem Wesen entsprach.

Man sei froh gewesen, wenn man den Laden endlich zumachen konnte freitags, blickte Horst Fingberg zurück, denn dann musste alles sortiert, zusammengestellt und in Listen eingetragen werden. Wenn man Pech hatte, war man mitunter stundenlang auf Fehlersuche. „Und jeden Samstagmorgen stieg ich in den Zug nach Mannheim, brachte die Scheine zur Hauptstelle und das Geld vom Lottospiel zur Bank“, erinnerte sich Horst Fingberg.

Gestartet mit „5 aus 90“

Längst läuft alles elektronisch, die Zahlen werden direkt an die Zentrale übermittelt. In Baden-Württemberg kann seit 1958 Lotto gespielt werden, in der Pfalz und in Hessen konnte man bereits zwei Jahre früher Lotto spielen, manch ein Hockenheimer fuhr deshalb am Freitag noch nach Speyer, um jenseits des Rheines das Glück herauszufordern. Insgesamt begann das bundesdeutsche Zahlenlotto bereits 1953 in Berlin, anfangs waren es noch „5 aus 90“, dann kam man auf sechs aus 50 Zahlen und weil 49 Zahlen ein schönes Quadrat bildeten, heißt es längst „6 aus 49“. Zur Faszination des Lottospiels gehört neben der Gewinnhoffnung auch eine gewisse „Einfachheit“ des Systems. Und insgeheim mag sich mancher nach der Ziehung sagen: „Da hätte ich selbst draufkommen können. . . auf diese Zahlen. . . Eigentlich.“

Wie der erfahrene Lotto-Insider Horst Fingberg uns damals im Gespräch erläuterte, stellt das Lottospielen für viele Menschen, egal welches Alter oder welcher „Stand“, auch ein liebgewonnenes Ritual dar. „Man kennt viele Leute, manche kommen seit Jahren, sogar jahrzehntelang, man kennt sie, der eine ist redselig, der andere schweigt eisern, aber alle wollen eines: „Gewinnen“, erzählte Fingberg augenzwinkernd.

Im Laufe der Zeit werde man, so führte Fingberg damals weiter aus, zu einer Vertrauensperson: „Wenn es sein muss, mache ich halt auch ein bisschen so was wie Lebensberatung.“ Und wenn jemand Horst Fingberg mal fragte: „Määne Se, dass es diesmol klappt“, antwortete er überzeugend: „ Ich tät‘s Ihne gönne“. Und das war ernst gemeint, denn er hätte es wirklich jedem gegönnt.

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