Hockenheim

Tag des offenen Denkmals Alfred Rupp erläutert historische Stätten in der Innenstadt / Erich Losert führt durch die Pestalozzischule / Flüchtlingsdebatte auch vor 70 Jahren

Die Geschichte als ewiger Kreislauf

Klar kannte hier jeder die Innenstadt. Rathaus, Pestalozzi-Schule, katholische Kirche und Zehntscheune. Doch auf der Führung zum Tag des offenen Denkmals mit Alfred Rupp, einem wandelnden Hockenheimer Geschichtslexikon, begann dieser Satz für einige dann doch zu Wanken. Hinter dem, was man sieht, steckt viel Verborgenes.

Es erschien wie bei einem Eisberg. Genau wie diese das meiste von sich verbergen, findet sich auch hinter den vertrauten Gebäuden und Orten viel Unbekanntes. Wer weiß schon noch, dass der Marktplatz in früheren Jahrhunderten ein Gottesacker, sprich Friedhof, war oder die Pestalozzischule in den Jahren 1946 und 1947 ein großes Durchgangslager für 22 186 Heimatvertriebene. Der Gang mit Rupp durch die Innenstadt und mit Erich Losert durch die Pestalozzischule löste jedenfalls einige Aha-Erlebnisse aus. Es gab viel zu lernen.

Los ging der historische Rundgang auf dem Marktplatz und meist erzählt Rupp hier nicht wirklich Neues. Doch dieses Mal war das anders. Hatte Rupp doch einen neuen Namen und zwar den Namen des Mannes, der hier als erstes begraben wurde. Am 6. Juli 1761 fand hier Johan Georg Ebert seine letzte Ruhestädte. Knapp 140 Jahre später entstanden hier rundum dann das Rathaus, die evangelische Kirche und die Pestalozzischule (damals noch Neue Schule genannt). Die beiden letzteren, so Rupp, „wunderbare Monumente des Jugendstils“.

Von hier ging es dann zum Gedenkstein für die nach Gurs deportierten Hockenheimer Juden. Dabei erzählte Rupp, dass er vor wenigen Wochen in Toulouse drei Gräber, die er jüdischen Mitbewohnern zuordnen konnte, entdeckte. Vom Gedenkstein führte die Route über den Güldenen Engel, dem ältesten Wohngebäude der Stadt aus dem Jahr 1690, auf den Zehntscheunenplatz, wo sich dem Betrachter 500 Jahre Baugeschichte auf einen Blick offenbaren. Das sind der Kirchturm St. Christophorus (1490), das Rathaus (1885), die katholische (1911) und evangelische Kirche (1908) sowie die Zehntscheune (2010). Hier könne man gut erkennen, wie sehr Geschichte den Raum bis heute präge.

Spannende Vergangenheit

Es war nur eine Stunde, aber diese 60 Minuten schienen bei den knapp 40 Zuhörern Eindruck zu machen. „Es ist einfach spannend zu wissen, wie es früher war“, so die neunjährige Lea. Und Lothar Gotthardt ergänzte, dass es nicht viele so wie Rupp verstünden, Geschichte lebendig zu machen. „Der Mann weiß enorm viel und versteht es, interessant zu erzählen.“

Weiter ging es in der Pestalozzischule, wo sich für einige zeigte, dass sich Geschichte auch sehr ernüchternd auswirken kann. In einer kleinen Ausstellung im Foyer der Grundschule zeigte Losert Bilder von Heimatvertriebenen aus den Jahren 1946/47, die hier untergebracht wurden und das offensichtlich zum Teil gegen den Willen der Einheimischen. Ein Bild zeigt Hockenheimer Bürger, die gegen die Flüchtlinge demonstrieren und ein Plakat mit der Aufschrift „Badens schrecklichster Schreck, der neue Flüchtlingstreck“ hochhalten. Dieses Bild, so Johanna Lux, müsste man nur einfärben und es würde aktuell kaum auffallen. „Wir haben seitdem anscheinend nicht allzu viel gelernt.“ Dass die Pestalozzischule in den Kriegsjahren auch als Kriegsgefangenenlager für französische Soldaten diente, ist übrigens nicht ganz sicher. Bis dato gebe es nur einen kurzen Eintrag im Heimatbuch von Ernst Brauch, dass in der Pestalozzischule französische Gefangene untergebracht worden seien.

Amüsanter war da dann wieder das historische Klassenzimmer, auch wenn Lux wusste, dass es für die Kinder damals nicht wirklich amüsant war. Darauf deutet eine 100 Jahre alte Klassenordnung hin, die aus heutiger Sicht doch sehr rigide wirkt. Dem neunjährigen Ben würde das jedenfalls nicht viel Spaß machen. „Man durfte ja außer gerade und still dasitzen gar nichts machen.“

Für viele in der Rennstadt war es ein spannender Tag des offenen Denkmals. Denn einmal mehr wurde deutlich, dass Geschichte nichts Verstaubtes oder gar Langweiliges ist. Im Gegenteil, sie ist ein Schatz, aus dem es viele wertvolle Lehren zu ziehen gilt. Und ein Gefühl für genau dies bekam man auf dem jüdischen Friedhof. Der 1879 eingerichtete Friedhof mit seinen künstlerisch gestalteten Grabsteinen erscheint als kleine Oase der Ruhe und des Nachdenkens. Geschichte vergeht nicht, sie ändert nur ihre Gestalt und kehrt zurück. Es besteht nur die Hoffnung, dass man das merkt. Für den früheren englischen Premier Winston Churchill stand fest: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen“.

Info: Weitere Bilder finden Sie unter www.schwetzinger-zeitung.de

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