Hockenheim

Formula Student Auf dem Ring messen Ingenieure von Morgen ihre Kräfte / 115 Teams aus 24 Nationen gehen im Motodrom an den Start

Ein Kampf am Rande der Möglichkeiten

Daniel Ahrens blickt ins Weite. Wenn er an diesem Tag, selbst im bittersten Regen von Hockenheim, auf einige der 115 Boliden schaut, die aus 24 Nationen an der Start gehen, um den Hockenheimring bei der Formula Student Germany (FSG) als Sieger zu verlassen, erfüllt ihn ein Stolz, den man erhaben nennen kann.

Im Jahr 2000 war Ahrens Teil des zweiten Teams in Deutschland überhaupt, das sich an der Technischen Universität in Braunschweig formierte, um 2002 mit ihrem ersten selbst konstruierten Renner die industrielle Zukunft von Morgen mitzugestalten. 2005 war ihm und einem harten Kern aus 20 Leuten das nicht mehr genug: Auf einer Kartbahn in Aschersleben und einer Porsche-Teststrecke bei Leipzig organisierte man erstmals einen eigenen Event - quasi als Testlauf dessen, was ein Jahr später die FSG werden sollte.

"Eigentlich war das eine Illusion, fast schon ein Scherz, den Hockenheimring für uns mieten zu wollen", lässt Daniel Ahrens im Gespräch durchblicken - doch heute ist diese Illusion Realität und noch viel mehr. Denn technisch hochkomplexe Probleme, über die andernorts selbst Experten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden, werden hier mit Feuereifer bekämpft und so lange ausgelotet, bis aus Blut, Schweiß und Tränen in schlaflosen Nächten jenes Ergebnis auf vier Rädern bereitsteht, das vielleicht Geschichte schreiben könnte.

Wer Daniel Ahrens fragt, der beide Seiten kennt und die FSG nun über ein Jahrzehnt lang aufbaute, wird hören, dass "dieser bedingungslose Wille zur Lösungskompetenz" den Geist prägt, der hier jedes Jahr für eine Woche leben darf: Wenn bei der Technischen Abnahme doch noch unerwartete Mängel auftreten. Wenn der Anlasser mal wieder leerläuft und (noch) niemand versteht, weshalb. Wenn Sensoren und Kameras der neuen fahrerlosen Klasse "Driverless" den nimmer aufhörenden Regen einmal mehr nicht richtig interpretieren können.

Es ist die maximale Schwierigkeit, der hier mit maximalem Einsatz begegnet wird: "Das ist der Wahnsinn 'Formula Student': Gib jemandem eine Aufgabe, die viel zu groß ist, als dass er sie alleine lösen kann. Lass ihn ein Team aus Konstrukteuren und Elektrotechnikern, Wirtschaftsexperten und Sensorikspezialisten zusammenstellen. Lass sie um ihre Finanzierung kämpfen und alle möglichen Hoch- und Tiefpunkte eines kleinen Unternehmens durchleben - und dann hier an den Start gehen."

Was Daniel Ahrens mit seinen Worten meint, ist, dass es bei dieser unendlich progressiven Rennserie um weit mehr als die möglichst effiziente, sichere und markenstrategisch klug justierte Fassung eines Rennboliden für den nichtprofessionellen Wochenendrennfahrer geht: Es geht darum, welche Kräfte frei werden, wenn das nicht einmal Denkbare plötzlich wahr wird, "weil hier mehrere tausend Menschen ohne jeden Zweifel für die Sache brennen, die sie tun."

Stolz aufs eigene Können

Jungingenieure. Juroren. Technische Inspektoren. Organisationskräfte. Viele tausend Entschlossene, die teilweise durch die halbe Welt fliegen, um mit stolzgeschwellter Brust zu zeigen, warum ihr Antriebsstrang oder ihr Chassis das Beste ist. Nicht weil sie es müssen. Nicht, weil sie dafür Geld bekämen. Weil sie die Überzeugung in sich tragen, die vielen Unternehmen längst verlorengegangen ist.

Und dieser Geist trägt sich fort. Wenn der Wagen auf der klitschnassen Acht beim Wet Pad nicht ausbricht. Wenn die Bremsen ihr Versprechen halten und die Motorsteuerung genau so viel Druck auf die Reifen gibt, dass Beschleunigungsweltrekorde nicht nur möglich, sondern greifbar werden. Wenn die größte Aufgabe dieses Fahrzeugs, das sich in Kostenanalyse und Design nicht weniger beweisen muss, als in Ausdauer und Fahrsicherheit, plötzlich lösbar erscheint, das Resultat gar vor Augen steht.

Zugegeben: Der Regen von Hockenheim macht diese ohnedies schon turmhohe Herausforderung zum Kampf am Rande des Möglichen. Den Willen der jungen Talente, die mit ihren Innovationen schon heute die Industrie von Morgen beeinflussen könnten, wird das nicht stoppen. Sie werden einfach noch früher aufstehen. Noch härter arbeiten. Noch mehr testen. Bis es gereicht haben wird. Bis ihr Bolide, an dem so viel Herzblut hängt, durchhält.

Ihr Ziel: Am Sonntag den Pokal in die Lüfte stemmen. "Diesen Einsatz kann und habe ich an keinem anderen Ort der Welt so je wiedergefunden" sagt uns Daniel Ahrens.

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