Hockenheim

Nachruf Letzter jüdischer Zeitzeuge Ernst Brummer 94-jährig in Paris verstorben / Viele Erinnerungen an Gemeinde mit dem Arbeitskreis Jüdische Geschichte geteilt

Er ist immer ein „Hoggemer“ geblieben

Der letzte jüdische Zeitzeuge Hockenheims, der ehemalige „Hirschsträßler“ Ernst Brummer, ist im Alter von 94 Jahren in Paris verstorben. „Der Arbeitskreis Jüdische Geschichte hat einen guten Freund, Ratgeber und wohl besten Kenner der jüdischen Geschichte Hockenheims verloren“, schreiben Felicitas Offenloch-Brandenburger und Klaus Brandenburger in einer Pressemitteilung. Brummer starb ihren Angaben zufolge bereits Ende September.

Bis zu seinem 13. Lebensjahr lebte Ernst Brummer bei seiner innig geliebten Oma Henriette Friedmann, geborene Adelsberger, der Witwe des letzten jüdischen Lehrers Heß Menachem Friedmann in Hockenheim. Die Nazizeit überlebte er versteckt in drei Jesuitenklöstern. Ernst kannte alle jüdischen Familien in Hockenheim und wusste genau Bescheid um die Familienverhältnisse – sowohl um die guten als auch um die weniger guten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt er mit vielen ehemaligen Hockenheimer Juden, die das Naziregime überlebt hatten, engen Brief- und Telefonkontakt nach Argentinien, Australien, Frankreich und USA.

Herzliche, aber kurze Freundschaft

Im Jahr 2014 erfuhr das Ehepaar Offenloch von Familie Christ aus der Schulstraße, dass Ernst Brummer noch lebt. Sofort versuchten sie, ihn telefonisch zu erreichen. Schon bald nach dem ersten Kontakt lud er sie ein, ihn und seinen Lebensgefährten Jean Claude Grall in Paris zu besuchen. Der Januar 2015 markierte den Beginn einer herzlichen, aber leider zu kurzen Freundschaft. „Bestimmt hätte er uns noch sehr viel erzählen können“, bedauern Felicitas Offenloch-Brandenburger und Klaus Brandenburger.

Anekdoten und Besinnliches

Ernst Brummer berichtete gerne über das jüdische Leben in Hockenheim. Während seiner Erzählungen, bei denen er die eine oder andere humorvolle Anekdote parat hatte, wurde er auch besinnlich. Er sagte: „Vertrauen, Versöhnen und ein gutes Miteinander, mit dem alle in Frieden leben können, sind wichtig auch nach oder gerade wegen der schrecklichen Vergangenheit“. Nach der Bundestagswahl 2017 rief er am Wahlabend an und sagte: „Nach diesem Wahlergebnis frage ich mich, haben wir Deutschen eventuell doch ein „R-Gen“?

Ernst Brummer werde ihnen fehlen, schreiben die Offenlochs – „vor allem, wenn wir vom jüdischen Arbeitskreis Fragen haben, wie: ,Ernst, hosch’ du die Familien Adelsberger, Alexander, Hockenheimer, Levy und Wallerstein gekennt?‘“. Er habe spontan über einzelne Familienmitglieder und deren Verbindungen durch Heirat berichtet. Er beschrieb den Innenraum der Hockenheimer Synagoge, die die Nazi-Schergen in der Pogromnacht 1938 anzündeten und bis auf die Grundmauern abbrennen ließen. In Gedanken betrat er das Gotteshaus und sah seinen Großvater an der Bima, einem erhöhten Pult, aus der großen Bibel lehren, wie es ihm seine Oma immer wieder erzählte.

Zwei Tage vor seinem Tod telefonierte das Paar das letzte Mal mit ihm. Ernst Brummer hatte kurz vor seinem 94. Geburtstag, im heißen Sommer 2018, noch einmal seine Heimatstadt Hockenheim besucht. Sein Wunsch war es, die Gräber seiner Ahnen sowie Nachkommen von vertrauten Menschen, Straßen und Häuser aus der Kinderzeit zu besuchen. Er traf vorm jüdischen Friedhof Werner Kühnle, den Sohn seiner besten Freundin Hedwig Kühnle, geborene Horn, aus der Hirschstraße und verbrachte eine Plauderstunde im Hof der Familie Christ.

Über OB-Einladung sehr gefreut

Über die Einladung von Oberbürgermeister Dieter Gummer – es war das erste Mal, dass er seitens seiner Heimatstadt eine Einladung erhielt – freute er sich riesig. Damals sagte er: „Hockenheim war und bleibt mein ganzes Leben lang meine Heimat, und ich werde bis zu meinem letzten Atemzuge Hoggemer und Deutscher“ sein. Ernst Brummer sprach sieben Sprachen, er war ein großer Weltmensch, schreiben die Offenlochs. Sie verdankten ihm viel. zg

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