Hockenheim

Landwirtschaft Konjunktur in Polen und Rumänien macht hiesigen Spargel- und Erdbeeranbauern zu schaffen / „Es fehlt an guten Leuten“ / Geänderte Arbeitsmoral

Erntehelfer aus Osteuropa werden rar

Region.Der steigende Mindestlohn, viel zu niedrige Handelspreise und der zunehmende Mangel an Erntehelfern bringen Spargel- und Erdbeerbauern in Schwierigkeiten – auch in der Region. Der Hockenheimer Steffen Großhans ist nicht nur Vorsitzender des Bauernverbands, sondern baut auch selbst Spargel und Erdbeeren an. „Wir Landwirte haben im letzten Jahr bundesweit gemerkt, dass es immer schwieriger wird, Erntehelfer zu bekommen“, berichtet er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Nicht nur die Spargel- und Erdbeerbauern seien davon betroffen, sondern jeder, der auf Saisonarbeiter angewiesen ist – und damit die gesamte Gemüsebranche. Dass die hauptsächlich aus Rumänien stammenden Saisonarbeiter immer schwerer zu kriegen sind, hängt seiner Meinung nach nicht direkt mit dem angebotenen Lohn zusammen. Zumal die Landwirte verpflichtet sind, den Mindestlohn zu zahlen.

„In Polen beobachten wir schon länger diese Entwicklung“, berichtet Großhans, „das Land ist im Aufschwung, die Polen sind gute Handwerker und hier boomt das Baugewerbe, wo die Löhne natürlich attraktiv sind.“ Ähnliche Engpässe zeichnen sich mittlerweile auch mit den Arbeitskräften aus Rumänien ab, wie Großhans berichtet: „Ich bin Anfang des Jahres selbst mit einem Mitarbeiter dorthin gefahren, um mir ein Bild zu machen.“ Es geht wirtschaftlich bergauf, das sehe man. Darüber hinaus sei es früher kein Problem gewesen, wenn sich berufstätige Rumänen für drei Monate freigenommen haben, um in Deutschland zu arbeiten. Diese Flexibilität bei den rumänischen Arbeitgebern werde nun seltener. Auch sei der Arbeitsmarkt generell besser aufgestellt, so Großhans. Fachkräftemangel und Bauboom in der Bundesrepublik tun ihr übriges. Noch ist der Landwirt zuversichtlich: „Wir haben aber auch Aufwand betrieben und dort Versammlungen organisiert und für dieses Jahr genügend Zusagen bekommen“, berichtet er. Früher habe man solche Dinge telefonisch geregelt; ein Gespräch vor Ort wecke jedoch bei den Arbeitern gleich mehr Vertrauen und Sicherheit, sagt Großhans.

Anbauflächen verkleinert

Der Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE) fürchtet dennoch einen Rückgang um bis zu 30 Prozent allein bei den Spargelfeldern. Eine Sorge, die Steffen Großhans teilt. „Wir haben die Anbaufläche für unsere Erdbeeren um die Hälfte reduziert und beschränken uns damit auf die Direktvermarktung im Hofladen“, sagt er. An den Großhändler gingen keine Erdbeeren mehr.

„Wir kommen aber auch aus einer schwierigen Saison“, lenkt Großhans ein, „sie begann verhältnismäßig spät und es wurde sehr bald sehr heiß. Entsprechend sind gerade Spargel und Erdbeeren explodiert.“ Wer da mit dem Ernten nicht hinterherkomme, habe ein Problem, sagt der Landwirt, „besonders reife Erdbeeren sind bereits am nächsten Tag Matsch“. Die Erzeugerpreise dagegen seien teilweise so niedrig, dass der Verkauf in schwierigen Phasen nicht einmal die Produktionskosten decke.

Auch Klaus Schröder in Reilingen bekommt die Entwicklung zu spüren. Nach seiner Meinung hat auch die Arbeitsmoral bei den jungen Leuten nachgelassen – sowohl in Deutschland als auch in Rumänien oder anderswo. „Dadurch haben wir Probleme, gute Leute zu kriegen“, sagt er, „wir sind hier eben in der Landwirtschaft, nicht im klimatisierten Büro. Da regnet es auch mal, mal ist es heiß, mal wird es kälter.“ Für die kommende Saison fehlen ihm noch 140 Erntehelfer. Wie er die finden soll? „Ich weiß es nicht“, lautet die simple Antwort.

Die Industrie produziere immer mehr im Osten. Eine Anstellung bei einer Firma vor Ort habe natürlich viele Vorteile für die jungen Leute in Rumänien: Ganzjähriges Einkommen, Nähe zur Familie, aber in der Landwirtschaft wird ihre Arbeitskraft eben auch gebraucht. „Mittlerweile kommen die zu uns, die im Osten nicht mehr gebraucht werden, die weder Schulabschluss, noch Berufsausbildung haben“, erklärt Schröder. Gleichzeitig sei es immer schwerer, mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen Geld zu verdienen, sagt er: „Der Einzelhandel diktiert die Preise. Und die bekriegen sich auf dem Rücken der Erzeuger.“

Blick in Richtung Nicht-EU-Staaten

Ein Produkt wie die Erdbeere, das von Hand gepflanzt, gepflegt und geerntet werden muss, habe eben seinen Preis. „Ein Produkt muss preiswert sein“, sagt Schröder, „das bedeutet aber nicht billig, sondern ,seinen Preis wert‘.“ Auch den Mindestlohn sieht Schröder kritisch: „Früher haben die guten Leute gut verdient. Heute kriegen die fleißigen Erntehelfer den gleichen Lohn wie die, die langsam arbeiten. Kein Wunder, wenn die Fleißigen sich dann auch keine Mühe mehr geben.“

Der VSSE bemüht sich derweil um Rahmenabkommen, die es ermöglichen sollen, Erntehelfer aus nicht EU-Ländern wie der Ukraine zu holen. Eine Möglichkeit, die Steffen Großhans noch aus einer Zeit kennt, in der Polen kein EU-Mitglied war und die Erntehelfer eine Arbeitserlaubnis benötigten: „An sich ging das immer gut, kostete aber auch einiges an Zeit und war mit einem Mehraufwand an Bürokratie verbunden.“

Klaus Schröder sieht den Lösungsvorschlag der VSSE kritisch: „Vor 50 oder 60 Jahren haben Erntehelfer aus der Türkei und aus Deutschland die Erdbeeren gepflückt. Dann kamen die Polen, mittlerweile sind es die Rumänen. Wie weit sollen wir denn noch gehen, um Arbeiter zu finden?“

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