Hockenheim

Gedenken Rund 70 Bürger erinnern an Reichspogromnacht

Erst Ausgrenzung, dann Deportation

Seit Jahren erinnern die christliche Gemeinde und der Arbeitskreis jüdische Geschichte Hockenheim in Zusammenarbeit mit der Stadt an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 und die zwei Jahre später stattfindenden Deportationen nach Gurs. Man könnte glauben, dass das Jahrzehnte währende Erinnern und Aufklären die Menschen davor bewahren sollte, in alte Muster zu verfallen. Doch das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Sichtlich erschüttert erläuterte Diakon Reinold Weber jüngste Studien, die das Erstarken des Antisemitismus in Deutschland eindrücklich untermauerten.

Es sei eine Gemengelage, die Angst mache und das Erinnern wichtig wie nie erscheinen lasse. „Wir wollen keine erinnerungspolitische Wende“, so Weber sehr eindringlich im Lutherhaus vor rund 70 Zuhörern.

Die Zahlen, die Weber nach dem wunderbaren musikalischen Auftakt durch das Musikensemble Charlotte Auer, Julian Hoffmann, Till Peperkok und Fabian Brecht präsentierte, sollten aufrütteln. Es war still im Lutherhaus. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.

Eine Sicht, die auch Oberbürgermeister Marcus Zeitler teilte. Gerade im Kontext des versuchten Massakers in der Synagoge zu Halle sei das Erinnern an diese dunklen Jahre von 1933 bis 1945 wichtig. Damals seien Menschen aus ihrem Leben gedrängt und dann ermordet worden. Deutschland beschritt den Weg in die Barbarei und Unmenschlichkeit. Und das einzige Instrument, das für die Zukunft zu verhindern, sei das Erinnern.

Mit am eindrücklichsten waren die Jugendlichen Lars Brenner, Artitaya Djandji, Annabelle Erdmann, Patricia Hellmann und David Kilkowski mit ihren Erzählungen zum Schicksal der jüdischen Familie Haller. Ganz nüchtern lasen sie Lebensberichte vor, die auch heute noch zu erschüttern vermögen.

Es ist nur ein Detail und sicher nicht das schlimmste, aber die Beschämungen und Verhöhnungen, die die Menschen jüdischen Glaubens auf ihrem Weg vom Paradeplatz in Mannheim zum Hauptbahnhof durch ganz normale Bürger ertragen mussten, beleuchten grell, wie tief das antisemitische Virus damals eingedrungen war. So weit, so attestierte auch Felicitas Offenloch-Brandenburger vom Arbeitskreis jüdische Geschichte, dürfe es nie wieder kommen.

Mahnende Worte des Nachdenkens wählten anschließend auch Pastorin Hanna Lehnert, Pastoralreferent Benno Müller und Klaus Brandenburger (Arbeitskreis jüdische Geschichte). Die Menschen müssten wachsam sein und dürften „die Macht des Nichtwissens und Nichtwissenswollen“ niemals unterschätzen. stk

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