Hockenheim

Gedenkfeier Erinnerung an Reichspogromnacht und die Deportation nach Gurs / Bewegende Auseinandersetzung mit dem „Warum?“

Fassungslos auch nach 80 Jahren

„Hier ist nichts anderes, als Gottes Haus“ stand zu Beginn der Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht gestern Abend im Lutherhaus an die Wand projiziert. Ein stiller Ausdruck der Fassungslosigkeit dessen, was am 9. November 1938 überall in Deutschland – und auch in Hockenheim geschah. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von den christlichen Gemeinden, dem Arbeitskreis jüdische Geschichte und der Stadt.

Fassungslosigkeit gegenüber den Grauen der Reichspogromnacht zeigte auch Diakon Reinhold Weber und verwies eindrücklich darauf, dass die heiligen Schriftrollen der Juden, die in dieser Nacht verbrannten, als Altes Testament auch den größten Teil der christlichen Bibel ausmachen. „Wir wollen die Augen vor dieser schrecklichen Vergangenheit nicht verschließen“, sagte Weber, „damit es nicht wieder passiert, aber auch, weil heute bei Demonstrationen gegen Israel wieder zu hören ist ,Jude, brenn!‘“ OB-Stellvertreter Friedrich Rösch mahnte seinerseits gegen das Vergessen: „Nur, wer die Wahrheit kennt, kann ihrer Verleugnung entgegenstehen.“ Dass die antisemitische und rassistische Ideologie noch lebendig sei, sehe man derzeit an den Geschehnissen in Chemnitz. „In Hockenheim aber“, erklärte Rösch, „soll jeder seine Religion ausüben dürfen und allen glücklich und in Frieden leben.“

Felicitas Offenloch-Brandenburger vom Arbeitskreis jüdische Geschichte erinnerte an die frühen Morgenstunden des 10. November, als die Schergen der SA zur Synagoge zogen und die Gebetsstätte in Brand steckten. In einer Sprech-Motette verdeutlichten die Konfirmanden der evangelischen Gemeinde die unfassbare Grausamkeit dieser Tat. „Es brennt, ess brennt! Und keiner löscht!“, war immer wieder zu hören. Und tatsächlich, so Offenloch-Brandenburger, die Feuerwehr der Stadt wurde am Löschen der Synagoge gehindert. Ihr Wasserstrahl durfte lediglich die Nachbargebäude davor schützen, auch ein Opfer der Flammen zu werden. In einer anderen Welt hätte die Israelitische Gemeinde in diesem Jahr ein Jubiläum feiern können: Ihre Synagoge war 1833 fertiggestellt und eingeweiht worden und wäre damit heute 185 Jahre alt. Stattdessen wurden sie vernichtet und die Juden der Stadt zwei Jahre später auf dem Rathausplatz zusammengetrieben, nach Mannheim gebracht und von dort mit Güterzügen ins Internierungslager Gurs verschleppt.

Hanna Lehnert, Pastorin der evangelisch-methodistischen Gemeinde, berichtete von einem Erlebnis des Schriftstellers Elie Wiesel, das dieser im Konzentrationslager Auschwitz machte. Drei Rabbiner kommen eines Nachts zusammen, um ein Tribunal abzuhalten. Der Angeklagte ist kein geringerer als Gott selbst. „Wie konnte Gott so etwas zu lassen? Wo war er, als sein Volk ihn am Dringendsten brauchte?“ Diese Fragen hatte nicht nur Wiesel sich immer und immer wieder gestellt. Die Männer bringen Beweis um Beweis für die Verfehlungen Gottes vor und kommen schließlich zu einem Urteil: schuldig. Es folgt ein langes Schweigen. „Und dann“, berichtete Lehnert, „erhob einer der Männer seine Stimme und begann zu beten. Sie beteten zu dem Gott, den sie gerade verurteilt hatten, weil er der einzige Erlöser sein konnte.“

Warnung vor den Fallenstellern

Klaus Brandenburger nutzte die Gelegenheit des Abends, auch zweier besonderer Menschen zu gedenken. Die in diesem Jahr verstorbene Hildegard Jahn-Petermann hatte sich um den Arbeitskreis jüdisches Leben mehr als verdient gemacht. Mit Ernst Brummer war Ende September in Paris der letzte Zeitzeuge jüdischen Lebens in Hockenheim verstorben (wir berichteten). Brandenburger warnte vor den „Menschenfallenstellern“: „Seien Sie auf der Hut, und treten Sie nicht in die Fallen der Populisten.“ Für die Gefühlvolle Begleitung des Abends sorgen nicht nur die Solistinnen Romina Afflerbach und Anne Rosenberg, sondern der gesamte AGV Belcanto unter der Leitung und in Begleitung von Dirigent Özer Dogan.

Nach dem Segen durch Diakon Weber und dem Abschlusslied „Hevenu schalom alechem – Wir wollen Frieden für alle“, waren alle Besucher eingeladen, sich am Gedenkstein zu versammeln. Dieser steht nicht nur am alten Platz der Synagoge an der Ecke Rathaus-/Straße, sondern auch mahnend nahe des Rathausplatzes, wo die Juden vor der Deportation zusammengetrieben wurden. Dass es vielen nicht egal ist, wenn braune Ideen wieder ihre Kreise ziehen, zeigt sich an der regen Teilnahme: Gut die Hälfte der rund 90 Besucher im Lutherhaus nahm auch den Weg zum Stein auf sich. Große Freude darüber zeigte auch Felicitas Offenloch-Brandenburger und erklärte: „Im letzten Jahr standen wir hier zu dritt.“

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