Hockenheim

Reiterplatz Gemeinderäte befassen sich mit den Auswirkungen des Beratungspapiers „Reiterplatz“ auf die bestehende Bebauung / Kompromiss soll gefunden werden

Frage nach der Lärmhöhe wird zum Bumerang

Archivartikel

Und die Moral von der Geschichte? „Man sollte schauen, was man prüft“, stellte Oberbürgermeister am Ende der Debatte um das Beratungspapier Gebietsentwicklung Areal „Reiterplatz“ fest (wir berichteten). Denn man könne Ergebnisse bekommen, die nicht jedem gefallen. Anders ausgedrückt – wäre bei der geplanten Bebauung des Reiterplatzes nicht nach der Beeinträchtigung durch Lärm gefragt worden, vielleicht wäre der Platz längst bebaut. So jedoch hat der Gemeinderat eine große Aufgabe vor sich: „Ein Konzept zu erstellen, dass alle Interessen unter einen Hut bringt“, formulierte Zeitler die sich anbahnende Diskussion um den Reiterplatz.

Aufgetaucht war der Fragekomplex nach der Zukunft im Anschluss an das von Alexandra Fridrich und Enrico Dittrich vorgetragene Beratungspapier. In diesem war eine mögliche Bebauung des Reiterplatzes anhand von vier Zeilen mit Reihenhäuser durchkalkuliert worden. Ganz klar – je weiter die Häuser vom Ring weg und zur Feuerwehr hin stehen, umso geringer ist die Lärmbelastung, die auch an den Vorder- und Rückseiten der Häuser unterschiedlich ist.

Unter erlaubten Werten

Lärmquelle Nummer eins ist der Ring. Berechnet wurden dessen Geräuscheinwirkung anhand der immissionsschutzrechtlichen Genehmigung, die der Rennstrecke 2001 erteilt wurde. Und nach den durch Langzeitmessungen ermittelten tatsächlichen Geräuscheinwirkungen. Diese liegen um rund fünf Dezibel (dB) unter den erlaubten Werten. Doch auch mit den reduzierten Werten – eine Wohnbebauung oder gar eine Pflegeeinrichtung sind auf dem Reiterplatz aufgrund der Lärmquelle nicht denkbar. Hingegen wären eine „Gemeinbedarfseinrichtung“ – eine Schule oder eine Hochschule – und eine gewerbliche Nutzung möglich. Wobei das Gewerbe wiederum auf die umliegende Wohnbebauung Rücksicht nehmen muss.

Ursprünglich, so Bauamtsleiter Christian Engel, stand die Frage im Raum, ob ein Pflegeheim auf dem Reiterplatz zulässig sei, dann kam die Prüfung einer Wohnbebauung hinzu und letztlich die grundsätzliche Frage, was auf dem Platz angesichts der Lärmquelle Hockenheimring überhaupt zulässig sei. „Es ging nicht um Einschränkungen für den Ring, dessen Betrieb ist genehmigt“, betonte Engel.

Das Ergebnis der Untersuchung warf am Ratstisch natürlich Fragen auf. So wollte Adolf Härdle (Grüne) einerseits wissen, was mit der vorhandenen Bebauung in der Waldstraße oder im Birkengrund sei, „gibt es hier Bestandsschutz und wie sieht es mit Neubauten aus“, andererseits erkundigte er sich nach der Zukunft der Kindergärten auf dem Reiterplatz. „Was genehmigt ist, hat Bestandsschutz“, erwiderte Fridrich und bei Neubauten in diesem Gebiet müsse man schauen, was architektonisch möglich sei, die Gebäude vor Lärm zu schützen. Bei den Kindergärten sah sie kein Konfliktpotenzial – wenn am Wochenende Rennen auf dem Ring sind, haben diese geschlossen.

In die gleiche Kerbe hieb Marina Nottbohm (SPD), die zum einen wissen wollte, warum der Neubau des Bossert-Kindergartens überhaupt erfolgen konnte und wie es mit der Nutzung des alten Bossert-Gebäudes weitergehe. Man habe die Frage nach dem Lärm beim Neubau nicht gestellt, so Engel, da man die Problematik nicht gesehen habe, immerhin sei Rennbetrieb nur am Wochenende. Und der alte Bossert-Kindergarten war schon vor 2001 errichtet, habe Bestandsschutz.

Willi Keller (SPD) konnte nicht verstehen, warum auf dem Reiterplatz Wohnungsbau verwehrt sei, wenige Meter daneben im Birkengrund frisch gebaut wurde. „Dort gab es schon eine Bebauung“, in der sich das Gebäude eingefügt hat, antwortete Engel. Und Oberbürgermeister Zeitler mutmaßte, dass wohl niemand nach den Lärmwerten gefragt habe – „wo kein Kläger . . .“

„Kein großer Wurf“

Christian Keller (Grüne) vermisste bei dem Gutachten, auf das der Rat über ein Jahr gewartet habe, den großen Wurf, ein Lärmgutachten sei es nicht. Für Frank Köcher-Hohn (FDP) stellt sich die Frage, wie man den vom Ring ausgehenden Lärm senken könne, ob es bauliche Möglichkeiten gebe. Markus Fuchs (CDU) schloss sich an, immerhin gastierte die Formel-1 2020 nicht mehr in Hockenheim, da könnte sich doch die Zahl der Lärmtage reduzieren lassen, was wiederum die Restriktionen einer möglichen Platznutzung abmildere.

Dies sei Sache der Ring-Gesellschaft, so die Antwort der Planer, in deren Augen es keine baulichen Möglichkeiten gibt, den Lärm des Rings zu mildern. Was machbar sei, sei schon beim Umbau berücksichtigt worden. Und, fügte Zeitler auf Nachfrage von Härdle hinzu, über das Thema Lärm werde mit dem Ring verhandelt, Veränderungen herbeizuführen habe der Rat selbst in der Hand. Konzerte auf dem Ring seien kein Thema, beschieden die Planer auf die Frage von Ingrid von Trümbach-Zofka (SPD). Es seien weniger als zehn im Jahr, das würde Zeitbeschränkungen bis 23 Uhr ausreichend sein.

Oliver Grein (Grüne) sah durch das Gutachten die Entscheidung gegen den Reiterplatz bestätigt, gleichzeitig einen Strich durch die Rechnung einer weiteren Nutzung, „sie rückt in weite Ferne“, gemacht. Angesichts der fast 20 Jahre alten Genehmigung für den Ring, der Stand der Technik sei heute ein anderer, sah er Gesprächsbedarf bei den zugestandenen Lärmwerten. Im Sinn der Gemeindeentwicklung müsse der Ring auf den Prüfstand, ohne seinen Bestand zu gefährden, so Grein. Das sei, antwortete Zeitler lapidar, der Wunsch nach der „eierlegenden Wollmilchsau“.

Vor zwei Jahren habe man mit den Plänen des sozialen Wohnungsbau die Bevölkerung gegen sich aufgebracht, nun stehe man mit leeren Händen da, seufzte Markus Fuchs und sprach von einem „klassischen Eigentor“. Was OB Zeitler mit seiner eingangs zitierten Bemerkung quittierte.

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