Hockenheim

St. Christophorus Erzbischof Stephan Burger spricht bei Neujahrsempfang über anstehende Umgestaltung der Diözese / „Missbrauch nicht ausreichend aufgearbeitet“

Geist der Veränderung als Chance nutzen

Nicht nur in Hockenheim, sondern in der ganzen Metropolregion war der Freiburger Erzbischof Stephan Burger bei seinem gestrigen Neujahrsempfang der Erzdiözese Freiburg im katholischen Gemeindezentrum St. Christophorus zu Gast. So drückte es Jürgen Grabetz bei seiner Begrüßung aus – und der Dekan sollte recht behalten. Aus nah und fern waren Gläubige und Würdenträger der katholischen Kirche angereist und drängten sich dicht im Gemeindezentrum, um ihren Erzbischof zu sehen. Stephan Burger ist es ein persönliches Anliegen, seinen Neujahrsempfang nicht nur in Freiburg abzuhalten, sondern immer auch an einem anderen Ort in der Diözese.

Dem allgemein spürbaren Gefühl der Unsicherheit und den Zukunftsängsten der Menschen möchte Erzbischof Burger „mit der ermutigenden Botschaft Christi entgegentreten“, wie er bei seiner Ansprache erklärte. Er forderte die Gäste auf, diese Botschaft „mit unserem Tun und unserer Haltung zu beglaubigen“ und so die Gesellschaft mitzugestalten: „Wir sollten diese Aufgabe gemeinsam angehen – jeder an seinem Platz, aber im Wissen voneinander und der Verantwortung füreinander.“ Als Hauptursache für die Unsicherheit machte er einen hohen Druck zur Veränderung in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens aus: „Viele spüren, dass es an vielen Stellen einfach nicht mehr so weiter geht wie bisher“, sagte er, „einen hohen Veränderungsdruck spüren wir nicht weniger in unserer Kirche, in unserem Erzbistum Freiburg.“

Bewusstsein für den Klimawandel

Hitzerekorde wie im vergangenen Sommer oder die derzeitigen verheerenden Schneemassen im Süden der Republik machten die akute Bedrohung eines menschengemachten Klimawandels spürbar. Die Bedrohung sei eben nicht mehr nur auf weit entfernten Inseln spürbar, sondern mittlerweile auch unmittelbar. Burger erinnerte an eine Aussprache Papst Franzikus’, sich selbst und alle anderen als „Bewohner des einen und gemeinsamen Hauses wahrzunehmen“. Mit den Projekten „Klimaneutrale Diözese 2030“ und der Kommission „Schöpfung und Umwelt“ wolle er dieses Anliegen im Bistum weiter verbreiten.

Mit Blick auf den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker – auch des Erzbistums Freiburg – erklärte Burger: „Sehr schmerzlich haben wir in den zurückliegenden Wochen und Monaten erfahren müssen, wo jedes ‚Weiter so‘ völlig ausgeschlossen – das ‚So geht es nicht weiter‘ unbestreitbar ist.“ Angesichts der bisher „in keiner Weise ausreichenden Aufarbeitung“ des sexuellen Missbrauchs seien „noch nicht vorbehaltlos alle Konsequenzen gezogen“. Ein wichtiger Schritt seien persönliche Gespräche mit Betroffenen, die er im November und Dezember geführt habe und von denen noch weitere folgen sollen. „Neben der bewussten Anteilnahme an diesen schrecklichen Ereignissen stellt sich auch immer wieder die Frage nach den finanziellen Aspekten. Es geht um Zahlungen für die Anerkennung des Leids, um Therapiekosten und um Hilfen in Anlehnung an das staatliche Opferentschädigungsgesetz, die wir planen. Was an seelischer Zerstörung und körperlichem Leid zugefügt wurde, kann jedoch nicht finanziell abgegolten werden. Hier kann ich derzeit – nach Ansicht mancher Betroffener – mit den bisherigen Leistungen nur enttäuschen“, so Burger.

Auch der gesellschaftliche Wandel stelle das Bistum vor große Aufgaben, erklärte Burger beim Neujahrsempfang. „Vor allem auf die klar und unmissverständlich prognostizierte weiterhin abnehmende Zahl an Kirchenmitgliedern, an Gläubigen, an Priestern und hauptberuflich pastoral Mitarbeitenden, aber auch auf künftig spürbar deutlich weniger finanzielle Mittel“ müsse mit kreativen Ideen reagiert werden, so der Erzbischof. Die Gemeinschaft dürfe vor Veränderungen nicht die Augen verschließen und sich nicht von ihnen lähmen lassen; solle diese nicht als Verfall, sondern als Neuordnung auffassen.

Der Verantwortung stellen

Im Februar wolle Erzbischof Burger das Gesamtprojekt „Kirchenentwicklung 2030“ beginnen. Dieser Prozess stehe für eine „sehr umfassende Neugestaltung grundlegender Strukturen der Erzdiözese, der Pfarr- und Gemeindestrukturen sowie der Finanz-, der Verwaltungsstruktur“. Dabei sollen stets alle beteiligt sein; getreu dem Prinzip der Subsidiarität: „Was immer sich ‚vor Ort‘ gestalten und verantworten lässt, soll auch vor Ort gestaltet und verantwortet werden.“

Der Geist der Veränderung, der viele Menschen beunruhige, ist nach Auffassung des Erzbischofs eine Chance, die Gemeinschaft der Gläubigen und auch die Gesellschaft im Allgemeinen zum Besseren zu verändern. Er erklärte: „Weil es so nicht weitergehen kann, müssen wir uns in den kommenden Jahren dieser Verantwortung stellen. Es geht für uns um die zukünftige Gestalt unserer Erzdiözese, gemäß dem Apostel Paulus: ‚Prüfet alles, das Gute behaltet‘.“

Musikalisch begleitet wurde der Empfang von der Band „Lower Sacristy“ („Untere Sakristei“). Doch bevor die acht Musiker die Besucher mit einem peppigen Abschlusssong zum Schnittchenbuffet begleiteten, richtete Oberbürgermeister Dieter Gummer das Wort ans Publikum. Er freute sich über das große Interesse beim ökumenischen Gottesdienst am Vormittag, bei dem auch die Kirchengemeinden das Jubiläumsjahr einläuteten. Spontan präsentierte das Gemeindeoberhaupt das Goldene Buch der Stadt, in dem Erzbischof Burger auf einem rasch herbeigebrachten Tisch unterschrieb.

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