Hockenheim

Freundeskreis Andreas Barth hält Vortrag über die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ von Karl May

Liebe und Mord in Sachsen

„Ich staune immer wieder, wie nahe Karl May der Wirklichkeit gekommen ist!“ Da mag mancher der über 50 Besucher in der Zehntscheune die Stirn gerunzelt haben. Aber der Vortragende Andreas Barth konnte mit seinem Wissen, seiner Begeisterung für das Sujet und seinen Argumenten überzeugen. Nach über zwei Stunden entließ das Auditorium den Karl May-Kenner mit großem Beifall.

An Karl May scheiden sich die literaturwissenschaftlich gebildeten Leser. Umso besser, dass der Freundeskreis Hockenheim/Hohenstein-Ernstthal mit der Einladung des Karl May-Spezialisten Andreas Barth wieder wichtige Pionierarbeit geleistet hat, um dem größten Sohn der sächsischen Partnerstadt auch im 21. Jahrhundert entgegen dem oberflächlichen Mainstream Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Frühwerke des Schriftstellers

Die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ zählen nicht zu den bekannten Werken Karl Mays. Sie bilden Mays früheste Produktionen und entstanden ab Mitte der 1870er Jahre nach seiner zweiten Haftentlassung, teilt der Freundeskreis mit. Karl May brachte die Erzählungen in Zeitschriften unter, erst 1903 erschien dann der Band „Erzgebirgische Dorfgeschichten“, der alle 14 Geschichten (je nach Zählung) vereint.

Mit dem Bergmannsgruß „Glück auf!“ erschien Andreas Barth vor seinem Publikum. Ausgestattet mit Rucksack, Stiefeln, blauer Schürze, Hut und Großvaterpfeife verkörperte er gekonnt einen Erzgebirgsbewohner aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und er begann auch im sächsisch-erzgebirgischen Idiom zu sprechen. Das war keine leichte Kost für die Zuhörer, unterstrich aber die Authentizität des Vortrags. Nach einigen Sätzen konnte das Publikum aufatmen. Andreas Barth wechselte in ein Deutsch mit leicht sächselndem Einschlag. Dorfgeschichten waren im 19. Jahrhundert groß in Mode. Zu den großen Namen zählten hier Jeremias Gotthelf, Adalbert Stifter, Gottfried Keller, Peter Rosegger und Ludwig Ganghofer.

Wenn es auch ungewohnt klingt, so versicherte Andreas Barth, dass die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ echte Karl Mays sind. „Sie sind spannend und ihnen fehlt nur die Exotik.“ Meist spielen sie im bäuerlichen Milieu, das in den Gegensatz zur Stadt gesetzt wird. Und es geht, wie sonst auch, um Liebe, Hass, Mord, Leidenschaft, Rache und Vergeltung.

Flucht eines Häftlings

Um seinen Lesern entgegenzukommen, verwendete Karl May fast keine Mundart. Das geschah in kommerzieller Absicht. Doch schon in Mays ersten Geschichten tauchen viele Charaktere und Handlungsmotive auf, die dann in seinen großen Abenteuerromanen in anderen Figuren weltbekannt wurden. Wichtig sind für den Forscher auch die vielen autobiografischen Anspielungen, die Karl May einfließen ließ.

Eindrucksvoll schilderte Andreas Barth auch die Flucht eines Häftlings, die in Kuhschnappel, der Heimatstadt des Referenten, stattgefunden haben muss. „So hat sich auf der Flur meines Heimatortes Weltliteratur ereignet“, berichtete der May-Kenner augenzwinkernd.

Für Unterhaltung und Kurzweil war beim Vortrag auf jeden Fall gesorgt. Den Abschluss bildete das von May komponierte „Ave Maria“ und ein nochmaliges „Glück auf!“ zum Abschied. Wer sich weiter und tiefer mit Karl May beschäftigen will, der kommt um die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ nicht herum, so der Tipp Andreas Barths. zg

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