Hockenheim

Stadtbibliothek Bucht(r)ipp mit Rosa Grünstein und Thomas Liebscher stellen vier Bücher zum Thema „Grenzgänger“ vor / Vom Abenteuerroman bis zur Biografie

Mauern und den eigenen Schatten überwinden

Archivartikel

Wer am Freitagabend nach den Buchvorstellungen mit Rosa Grünstein und Thomas Liebscher die Stadtbibliothek verlassen hat, dürfte die Lust mitgenommen haben, alle vier vorgestellten Bücher zum Thema „Grenzgänger“ zu lesen. So unwiderstehlich und lebendig stellten die beiden bekannten Bücherliebhaber die Werke vor. Den Zuhörern bescherten sie zwei intensive Literaturstunden mit Autoren, die Grenzen überwinden zwischen Realität und Fiktion, zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem, zwischen physischen und psychischen Grenzen.

Das Thema ist zurzeit besonders aktuell, denn Grenzen, Zäune, Mauern, innere wie äußere, haben Konjunktur. Zuvor jedoch hat Dieter Reif, der Leiter der Stadtbibliothek, die Anwesenden begrüßt und sie darauf hingewiesen, dass es neben den geistigen auch kulinarische Genüsse gibt, denen mit Broiler, Buletten und Soljanka, mit Weiß- und Rotwein, Wasser oder Orangensaft keine Grenzen gesetzt waren.

Reihe ist sehr erfolgreich

Schon seit 25 Jahren strahlt die von Grünstein und Liebscher in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek veranstaltete Bucht(r)ipp-Reihe über die Grenzen Hockenheims hinaus und ist heute erfolgreicher denn je. Auch an diesem Abend konnten sie einen Publikumsrekord verzeichnen. Nicht nur aus Hockenheim waren Besucher da, viele sind aus den umliegenden Gemeinden sowie aus Speyer, Schwetzingen und Heidelberg angereist. Eine gehörige Portion Neugier weckte gleich zu Beginn Thomas Liebscher mit dem Roman „Der Fluss“ des amerikanischen Autors Peter Heller.

„Es ist ein wuchtiger Abenteuerroman, wie es ihn heute selten gibt“, schwärmte Liebscher, dem es gelang, mit den ausgewählten Passagen, die von der Paddeltour der zwei jungen Männer Wynn und Jack auf dem Maskwa-Fluss durch die Wildnis Kanadas erzählten, die Zuhörer in den Bann zu ziehen. „Beide sind Outdoor-Experten und haben große Freude daran, weitab von der Zivilisation die Natur zu erleben“, kommentierte Liebscher. Der Roman weist zwar alle Zutaten eines Thrillers auf, das Herz der Geschichte aber ist die Natur und die Freundschaft der Hauptfiguren, „deren Tiefe und Poesie sich erst im Verlauf des Romans erschließt“. Stets werden die beiden auf ihrer Flussfahrt mit Situationen konfrontiert, die sie zwingen, die Grenzen ihrer Persönlichkeit zu durchbrechen.

Mit dem zweiten Buch, dem dystopischen Roman „Leere Herzen“ von Juli Zeh, führte Liebscher die Zuhörer zurück in ein Deutschland der nahen Zukunft, ins Jahr 2025: Der öffentliche Diskurs kommt zum Erliegen, eine rechte Partei (Besorgte-Bürger-Bewegung) baut allmählich die Demokratie ab, was der Generation mit „leeren Herzen“ jedoch egal ist. Hauptfigur Britta betreibt erfolgreich eine Firma, die Selbstmordattentäter therapiert. „Das Buch wurde von der Literaturkritik überhaupt nicht gut aufgenommen“, informierte Liebscher, aber er findet es „ein wunderbares Gedankenexperiment, eine Denkübung in Sache Demokratie, zudem so unterhaltsam geschrieben“, dass er es jedem ans Herz legen kann. Gespannt folgten die Zuhörer dem Fluss der Worte, mit denen Rosa Grünstein die Zuhörer teilhaben ließ an der unglaublichen Biografie des britischen Offiziers James Holman, der mit 25 Jahren erblindete. Seine Reiseabenteuer hat der US-amerikanische Schriftsteller Jason Roberts in dem bemerkenswerten Buch „Die ganze Welt im Sinn“ zusammengefasst.

Und im Saal knisterte es vor Spannung, als Grünstein Auszüge daraus präsentierte, die beschrieben, wie sich Holman nicht mit seinem Schicksal abfand, sondern umfangreiche Reisen unternahm, Grenzen unzähliger Länder und Kontinente überwand wie auch seine eigene, körperliche Behinderung. „Mit diesem Buch“, sagte Grünstein, „legt der Autor eine faszinierende Geschichte eines blinden Reisenden vor, die den Leser bis zum Schluss in Atem hält.“

Schicksale und Sorgen von heute

In der ihr eigenen, elektrisierenden Art machte Rosa Grünstein auch den Debütroman der Leipziger Autorin Madeleine Prahs mit dem Titel „Nachbarn“ schmackhaft. In gewisser Weise zeichnet es ebenfalls ein Grenzgängertum nach. Dieses „wunderbare“ Buch, wie Grünstein sagte, „handelt vom Mauerfall, aber diesmal ganz anders“.

Die Autorin begleitet sechs Menschen, deren Schicksal von der Zeit vor und nach dem Mauerfall geprägt ist. Zudem konfrontiert sie ihre Helden mit Problemen der Gegenwart wie Existenzangst und Alterseinsamkeit. Grünstein empfahl den Roman als „das perfekte Buch für Menschen, die in ein Land reisen, das es nicht mehr gibt“.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional