Hockenheim

Zehntscheune Lehrgang für Erzieher thematisiert naturnahe Gestaltung von Spielräumen / Finanzierung umfangreicher Projekte oft nicht einfach

Mehr Freiräume für Fantasie und Entfaltung schaffen

Archivartikel

Wer ist als Kind nicht gerne über die Wiese getollt, hat Vögel beobachtet oder bunte Steine gesammelt? Matsch, Wasser und Dreck üben seit je her eine ureigene Faszination auf Kinder aus – sollte man zumindest meinen. Fragt man die Experten, die beim „4. Baden-Württembergischen Forum Naturerlebnisspielräume für Kinder in Kindergärten, Kita und Krippe“ in der Hockenheimer Zehntscheune ihre Arbeit vorstellten, könnte man ein anderes Bild kriegen. Organisiert wurde das Forum von der „Gartenakademie Baden-Württemberg“.

Petra Moser vom Verein „Naturspur“ beispielsweise berichtete von Grundschülern, denen sie begegnet sei, die noch nie in einem Wald gewesen seien. „Naturspur“ ist ein gemeinnütziger Verein, der auf seinem Gelände in Otterstadt, der „Naturei“, natur-, umwelt- und erlebnispädagogische Angebote bereitstellt, aber auch Institutionen bei der Konzipierung eigener naturnaher Flächen unterstützt. Auf 6000 Quadratmetern gibt es allerlei zu entdecken, wie Moser berichtete, beispielsweise eine Streuobstwiese, Gärten, Hochbeete, Lehmöfen, Feuerstellen, einen Brunnen mit Wasserlauf, Bienen, Enten, oder eine Erlebnisbaustelle, auf der Kinder eigene Holzhütten zusammenzimmern können.

Die Vorteile einer naturnahen Erziehung liegen für die Biologin und Naturpädagogin auf der Hand: Beim Spielen im Freien werden alle Sinne angesprochen, Kinder können eigenständig handeln, sich erproben, erfinden und lernen. Außerdem sei es leichter, natürliche Zusammenhänge zu erkennen – „dafür brauche ich keinen Barfußpfad, das läuft einfach nebenher“. Gesteigerte Fantasie, die Möglichkeit, sich auch mal zurückzuziehen und die Förderung von Grob- und Feinmotorik runden laut Moser das Paket ab. Im Gegenzug fördere ein Aufwachsen ohne Natur die Zunahme körperlicher Entwicklungsstörungen und von Konsumorientiertheit. Kinder, die nie richtig das Fallen und Abrollen lernen, haben ein größeres Risiko, sich bei Unfällen zu verletzen, so Moser. Eine große Gefahr sieht die Expertin in der „Verinselung der Lebensbereiche“, weil Kinder beispielsweise von zu Hause mit dem Auto in den Kindergarten – und auch sonst überall hin – gefahren würden.

Fördervereine sind wichtig

Die vielen Fotos in Mosers Vortrag machten Eindruck und vermittelten ein umfangreiches Bild der Möglichkeiten für einen Naturspielraum. Die Wortmeldungen der anwesenden Erzieher ließen jedoch den Schluss zu, dass ein solcher Umfang für sie niemals zu stemmen sei. Und auch Moser und ihre Kollegin Michaela Senk vom Verein „Naturgarten“ mussten auf die Wichtigkeit von Fördervereinen und diversen Fördertöpfe hinweisen. „Wir wollen vor allem zeigen, was möglich ist“, sagte Senk, „im Einzelfall muss man sicher downgraden (englisch für „zurückstufen“, Am. d. Red.).“

Unter dem Titel „Spielplätze sind zum Spielen da – oder?“ referierte im Anschluss Markus Brand vom Verein „Ideenwerkstatt Lebens(t)raum“. Fokus seiner Ausführungen war die Deutsche Industrienorm (DIN) 18034, die fordere, dass Spielplätze so gestaltet würden, dass sie einen „hohen Spielwert“ erreichen. Dem werde eine glatte Rasenfläche mit Spielgeräten nicht gerecht. Durch Baumstämme, Findlinge oder Büsche würde die Attraktivität der Spielräume deutlich gesteigert.

Den zweiten Teil der Lehrveranstaltung verbrachte die Gruppe in Otterstadt auf dem Gelände von „Naturspur“. Dort wurden die Inspirationen der Teilnehmer durch praktische Übungen ergänzt – etwa dem Flechten von Zaunelementen, einer Vertiefung der Kenntnisse im Bereich „Risiko und Kompetenz“, oder dem Workshop „Lehm als Baumaterial“. sb

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