Hockenheim

Hockenheimer Marketing-Verein 20 Kunstwerke sollen die Menschen in die Natur locken / Hockenheimer Tageszeitung präsentiert die aktuellen Objekte

Miniatur-Kunst soll groß herauskommen

Archivartikel

Viele Familien werden dieses Jahr ihren Urlaub zuhause verbringen – die Angst vor einer zweiten Corona-Welle erstickt Träume von Ferien in der Ferne im Keim. Und wie schon zur Zeit des Lockdown wird es die Menschen in Scharen ins Freie treiben, werden sie sich an der Natur erfreuen und diese mit ihren Hinterlassenschaften beglücken – Zigarettenkippen, leere Dosen, Verpackungen und vieles mehr. Die Hinterlassenschaften des Menschen besten Freundes, die dieser zu beseitigen für müßig hält, ganz zu schweigen.

Man kann über dieses Verhalten lamentieren oder schimpfen, man kann sich dem Thema aber auch von einer ganz anderen Seite nähern – dem der Kunst, der in diesem Fall die Rolle eines Till Eulenspiegels zukommt. Birgit Rechlin, die Geschäftsführerin des Hockenheimer Marketing Vereins (HMV) wählte den zweiten Weg. Zumal sie mit dieser Vorgehensweise noch einen zweiten Aspekt mit ins Boot holt – das Sommerferienprogramm in der Stadt fällt in diesem Jahr Corona-bedingt äußerst mager aus, einzig das Pumpwerk und der HMV haben einige Punkte aufzubieten.

Womit eine Idee geboren war, mit der Rechlin beim HMV auf große Resonanz stieß: Eine Installation, die sich in der Zeit bewegt, die alle Facetten der medialen Verbreitung umfasst und die den Betrachter nicht nur einbindet, sondern ihn auffordert, aktiver Teil der Aktion zu werden.

Miniaturen entdecken

Klingt kompliziert? – ist es aber nicht, wie Rechlin zusammen mit Richard Damian, dem Vorsitzenden des HMV, und Nina Ungelenk-Baumann vom Pumpwerk im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert. Nehmen wir als Beispiel die Unsitte, seine Zigarettenkippen achtlos in die Landschaft zu schnippen. Was ganz nebenbei bemerkt nicht nur eine Unsitte ist, sondern auch dem Grundwasser schadet. Aber dies nur am Rande.

Das Trio hat somit die Kippe als Ausgangspunkt. Um sie herum wird im Maßstab 1:87 eine Geschichte erzählt – beispielsweise Bergsteiger bei der Erstbesteigung ohne Sauerstoffmaske. Diese kleine Miniaturwelt wird sich auf einer festen Unterlage finden, rund 20 mal 20 Zentimeter groß, und im Gelände des Hockenheimer Hochwasserschutz- und Ökologieprojekts (HÖP) versteckt.

Allerdings, merkt Rechlin an, in der Nähe des Wegs, man will ja nicht dazu auffordern, das Grün niederzutrampeln. Und, fügt sie hinzu, als Versteck- und Suchgebiet schwebt ihr der Bereich von HÖP-Infotafel längs des Bachverlaufs bis hin zur Tankstelle am Ortsausgang vor.

Wie gesagt, die Kunstwerke, die täglich wechseln, zu finden, dürfte nicht allzu schwer sein. Doch mit dem Fund beginnt der zweite, spannende Teil des Projekts: Die Kinder und Jugendlichen, die mit dem Projekt in erster Linie angesprochen werden, aber auch Erwachsene, die gerne mit Kunst interagieren, sind eingeladen, kreativ zu werden: Selfies machen, Geschichten zum Tableau erfinden, Zeichnungen, Gedicht, Witze – die Liste dessen, wie auf die Miniaturen reagiert werden kann, ist fast unendlich.

Und, ganz wichtig, die Co-Künstler werden gebeten, ihre Ideen, Geschichten und Bilder auf allen Kanälen zu posten. Von Facebook bis Instagram, von den Homepages des HMV oder Pumpwerks bis hin zu den sozialen Medien unserer Zeitung oder deren Printausgabe. So kann, wünscht sich Rechlin, Kunst in der Kunst entstehen, das Projekt eine Eigendynamik entwickeln, die weit über die Miniaturwelten hinausgeht.

Vergänglichkeit ist eingeplant

Zumal die Kunst vergänglich ist, sich jeden Tag neu erfindet: Jeden Tag im August gibt es von montags bis freitags ein neues Kunstwerke zu entdecken, jede Woche hat einen eigenen Schwerpunkt. Unsere Zeitung wird jeden Tag ein Bild des jeweiligen Kunstwerkes veröffentlichen, das dann, durch Pylonen gekennzeichnet, im Gelände zu finden ist. 24 Stunden lang. Dann gilt es ein neues Objekt zu entdecken.

20 Kunstwerke mit jeweils unzähligen Feedbacks – es wird einen gewaltigen Kunstkosmos geben, ist sich Rechlin sicher. Wie sie sich auch sicher ist, dass nicht jedes Kunstwerk heil ins Pumpwerk zurückkehrt. Manche werden zerstört werden, andere als Liebhaberobjekt einen neuen Standort finden und mache ins Pumpwerk zurückkehren. Zwar ist Rechlin die letzte Variante die angenehmste, „wir freuen uns riesig, wenn noch etwas da ist“, aber auch mit den beiden Möglichkeiten kann sie leben, sind sie doch gleichermaßen eine Interaktion mit dem Thema Kunst.

Kooperation mit dem Pumpwerk

Das gesamte Projekt ist eine Kooperation zwischen HMV und Pumpwerk, unterstützt von der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg, die die Materialkosten und einen Teil der Arbeitsstunden übernimmt, sowie unserer Zeitung, die täglich auf die Kunstwerke hinweist.

„Wir waren von der Idee schlichtweg begeistert“, betont Richard Damian, dass das Projekt im HMV-Vorstand auf Anhieb Zustimmung fand. Besonders gefällt ihm hierbei die Verquickung sämtlicher Medien zusammen mit der Aufforderung an die Menschen, hinaus in die Natur zu gehen, zu schlendern, zu spazieren und sich auf die Objekte einzulassen. Schon jetzt freut er sich auf jede Menge Kurzgeschichten.

Dipl.-Sozialpädagogin Nina Ungelenk-Baumann vom Pumpwerk reizt der Aspekt der Kunst als Übersteigerung – statt den moralischen Zeigefinger zu erheben das Thema Natur und Müll spielerisch und ironisch aus dem Blickwinkel der Kunst aufzuspießen.

So richtig am Ziel wird sich das Trio fühlen, wenn Ende August aus den 20 Kunstwerken unzählige wurden und wenn die ganze Stadt mit von der Partie ist. Und vielleicht der eine oder andere etwas verstanden hat.

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