Hockenheim

Lokale Agenda Die „Grünen Engel“ kämpfen aktiv gegen zugemüllte Straßen / Bürger an Kehrpflicht und Umweltbewusstsein erinnern / Für Verzicht auf Plastikverpackungen

„Mutige Verrücktheit“ für saubere Stadt

Statt Flügel und und Heiligenschein haben sie Arbeitshandschuhe und Abfallsäcke: Die „Grünen Engel“ der Lokalen Agenda sitzen nicht auf Wolken, sondern bewegen sich auf dem Boden der Tatsachen – und der ist auch in Hockenheim allzu oft dreckig. „Wir stellen fest, dass das Thema Vermüllung immer weitere Kreise zieht“, sagt Jürgen Rottmayer und verweist darauf, dass mehr und mehr Städte aktiv werden, um der Entwicklung entgegenzuwirken. Das wünscht sich die Anfang des Jahres formierte Gruppe auch von der Hockenheimer Verwaltung – und geht mit gutem Beispiel voran.

Die „Grünen Engel“ fühlen sich als Teil einer Bewegung, die nicht mehr einsehen und hinnehmen will, „dass wir von einem Teil der Bevölkerung so zugemüllt werden“, formuliert es Renate Rottmayer. Der gemeinsame Wunsch, etwas dagegen zu tun, führte sie zusammen. „Ich bin von Reilingen nach Hockenheim gezogen, und kannte eine solche Verschmutzung wie hier gar nicht. Ich ging ins Rathaus und fragte, was man dagegen unternehmen könnte. Da hieß es , es gebe zwei, drei weitere Bürger mit dem gleichen Anliegen, da könnten wir uns doch zusammentun“, erinnert sich Ingrid Hassert.

Ihre erste Idee sei gewesen, mit Plakaten auf das Thema aufmerksam zu machen. Und die Bürger darauf hinzuweisen, dass sie eine Kehrpflicht haben: „Da wäre schon ein Teil des Drecks weg.“ Dazu sei dann die Überzeugung gekommen, sich zusammenzutun, um sauber zu machen, in der Hoffnung, dass manche Stellen auch sauber bleiben. Diese positive Erfahrung habe sie etwa im Bereich der Streuobstwiese nahe des Aldi-Markts gemacht.

Nicht als Mülleimer-Leerer gelten

„Es ist nicht unser Ziel, dass wir die Mülleimer-Leerer von Hockenheim werden oder als Zusatzpersonal des Baubetriebshofs gelten, sondern wir wollen durch unser Tun zeigen, dass da was nicht in Ordnung ist.“ Es gehe der Gruppe um Umweltschutz, die Grünanlagen müssten für die Natur geschützt werden.

Damit stoßen die „Grünen Engel“ auf positive Resonanz, oft werden sie angesprochen, wenn sie in unübersehbarem grünen Outfit in der Stadt unterwegs sind. „Das ist das Mittel, was wir haben“, erläutert Renate Rottmayer: „Wir können vormachen und sagen, warum wir das tun.“ Natürlich würden sie sich freuen, auf die Art weitere Mitstreiter zu gewinnen.

Denn es gehöre schon eine „mutige Verrücktheit“ dazu, durch die Straßen zu gehen und Abfall einzusammeln, räumt Rottmayer schmunzelnd ein. Alles in Handarbeit – die Zangen gehen ihr zu sehr ins Handgelenk. Dabei werde ihre Arbeit zusätzlich erschwert durch eine Menge Hundekot am Wegesrand, insbesondere am Südring.

Mit Hans-Peter Hoffmann vom Baubetriebshof pflegt die Gruppe eine sehr gute Zusammenarbeit: Gesammelten Müll holt der Baubetriebshof auf Zuruf ab, dazu gab es Tipps für die aktuelle Aktion, bei der die „Grünen Engel“ die Bügel der Mülleimer streichen, um sie auffälliger zu machen. Und er vermittle Ansprechpartner, wenn er mal nicht zuständig ist.

„Richtiger Notstand erkennbar“

Beim Tag der Umwelt sei ein „richtiger Notstand“ erkennbar geworden, berichtet Renate Rottmayer. Es seien viele Hinweise von Bürgern eingegangen, viele hätten sich über Müllentsorgung allgemein informiert und sich „mehr als erstaunt“ darüber gezeigt, was alles weggeworfen wird. Hinweise, wo Mülleimer im öffentlichen Raum noch fehlen, habe der Baubetriebshof gleich umgesetzt, etwa an der neuen Fahrradstation am Messplatz.

Von den jetzt ansehnlicheren Mülleimern soll eine Signalwirkung ausgehen: „Da muss der Müll rein“, erklärt Renate Rottmayer. Das soll nicht zuletzt die Karlsruher Straße attraktiver und einladender machen. Dazu sollten aber auch die Einzelhändler und Gastronomen beitragen. In dem Zusammenhang erinnert Jürgen Rottmayer an die 2001 in Kraft getretene Satzung zur Kehr- und Streupflicht, die die Anrainer einmal pro Woche zum Kehren anhält. Daran sollte die Verwaltung nochmals erinnern, findet er.

Seit es die „Grünen Engel“ gibt, können sich potenzielle Mitstreiter auch kostenlos im Rathaus an der Info Müllzangen, Handschuhe, Säcke und Kontaktdaten zur Entsorgung abholen, berichtet Judith Böseke von der städtischen Pressestelle. Die Gruppe weiß auch von vielen stillen Engeln, die in Eigenregie mit Sammeltüten unterwegs sind.

Einwegverpackungen reduzieren

Einen Teil der Verschmutzung würden die Aktivisten gerne von vornherein vermeiden: „Ich würde mir wünschen, dass sich die Eisdielen zusammentun und keine Plastikbecher mehr anbieten.“ Essbare Materialien wie Waffeln wären eine abfallfreie Variante. Auch die Styroporschalen, in denen Essen über die Straße verkauft wird, sind den „Engeln“ ein Dorn im Auge: Sie ließen den „Karawanenweg der Schüler“ offensichtlich werden – oft am Straßenrand, obwohl Mülleimer in der Nähe wären. Andernorts fehlten dagegen Behälter komplett – etwa auf den Parkplätzen der Einkaufsmärkte an der Lußheimer Straße.

Gegen die Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber dem Gemeingut wollen die „Grünen Engel“ wirken – und überstehen dabei auch mal ein „Tief“. Die Leute hätten sich jahrelang vermüllendes Verhalten angewöhnt, das rückgängig zu machen, erfordere nun mal Engelsgeduld.

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