Hockenheim

Hockenheim anno 1889 Vor 130 Jahren sorgte die Abstimmung übers Stadtoberhaupt zwischen Ludwig Zahn und Johann Adam Schrank für heftige Turbulenzen

Nach Bürgermeisterwahl fliegen Fäuste

Archivartikel

Die Wahl eines neuen Bürgermeisters beziehungsweise Oberbürgermeisters ist in jeder Kommune ein bedeutendes Ereignis. Mit einem neuen Amtsinhaber sind oftmals eine Neujustierung der Kommunalpolitik und ein anderer Führungsstil verbunden. Gleichwohl ist bei solchen Wahlen, wie auch bei der am 7. Juli in Hockenheim stattfindenden Oberbürgermeisterwahl, davon auszugehen, dass sich die Kandidaten im Vorfeld der Wahl der Wählerschaft mit ihrer Person und ihren kommunalpolitischen Vorstellungen vertraut machen und das Wahlgeschehen in einem fairen demokratischen Prozess verläuft.

In der inzwischen 1250-jährigen Geschichte der Stadt Hockenheim gab es eine Bürgermeisterwahl, deren emotionale Wallungen einem rationalen, geschweige denn demokratischen Miteinander diametral entgegenstanden. Diese spielte sich am 25. Mai 1889 ab, also vor 130 Jahren. Auch wenn deren Beschreibung uns heute eine anekdotische Note vermittelt, zählt sie stadtgeschichtlich nach wie vor zu den interessanten Lektüren.

Zwei namhafte Kandidaten

Für das damals vakant werdende Bürgermeisteramt kandidierte der seit 1883 amtierende Bürgermeister Ludwig (Louis) Zahn, der Besitzer der oberen Mühle. Sein Gegenkandidat war der Landwirt und Gemeinderat Johann Adam Schrank.

Bevor wir auf die Bürgermeisterwahl und ihre Vor- und Nachwehen eingehen, sei noch ein kurzer Blick auf einige Ereignisse und Entwicklungen in jener Zeit geworfen. In Paris fand ab Anfang Mai 1889 aus Anlass des 100. Jubiläums der Französischen Revolution eine Weltausstellung statt. In dieser wurde am 15. Mai 1889 der von Gustave Eiffel konstruierte und nach ihm benannte Eiffelturm eingeweiht.

Einen Tag vor der Hockenheimer Bürgermeisterwahl, am 24. Mai 1889, nahm der Deutsche Reichstag das von Kanzler Bismarck eingebrachte Gesetz über die Invaliditäts- und Alterssicherung an – ein Meilenstein in der deutschen Sozialgesetzgebung. Zu der Zeit saß Wilhelm II. bereits ein Jahr auf dem deutschen Kaiserthron.

Im Großherzogtum Baden hatte sich der jahrelange Kulturkampf etwas beruhigt. Der wurde besonders ab den 1840er Jahren zwischen den Katholiken mit der Freiburger Kirchenleitung an der Spitze auf der einen Seite und der badischen Regierung mit der Zweiten Kammer der badischen Ständeversammlung (Landtag) auf der anderen Seite ausgefochten. Im Grunde ging es um die Freiheitsrechte der katholischen Kirche, auf die der badische Staat erheblichen Einfluss nahm.

Nationalliberale dominieren

Im badischen Landtag dominierten nach der Wahl von 1887 die Nationalliberalen mit einer Dreiviertelmehrheit, während die in sich zerstrittene Katholische Volkspartei nur noch neun von insgesamt 63 Landtagsmitgliedern stellte. Im Oktober 1888 bewog das schlechte Abschneiden die katholischen Politiker, sich auf eine gemeinsame Opposition zu verständigen. Zudem benannten sie die Katholische Volkspartei in Zentrumspartei um. Ihr Zusammenhalt zahlte sich in den folgenden Landtagswahlen aus. Die Anzahl an Sitzen und damit der politische Einfluss des Zentrums wurden zulasten der Nationalliberalen kontinuierlich erhöht.

In Mannheim war damals die Industrialisierung schon sehr weit fortgeschritten. Mit Firmen wie der Maschinenfabrik Heinrich Lanz, der Carl Benz & Co. Gasmotorenfabrik, der Zellstoff, der Rheinischen Gummi- und Celluloid-Fabrik oder Boehringer Mannheim, Bopp & Reuther und vielen anderen hatte sich die ehemals kurpfälzische Residenzstadt industriell bereits enorm entwickelt.

Ohne das Arbeitskräftepotenzial aus dem Umland wäre diese Entwicklung aber nicht möglich gewesen. So zog es auch immer mehr Hockenheimer zum Arbeiten in die nordbadische Metropole. Mit der 1869/1870 in Betrieb genommenen Rheintalbahn waren die Arbeitsplätze in Mannheim sehr gut zu erreichen.

Blütezeit mit Schattenseiten

In Hockenheim bildete 1889 noch der Anbau von Tabak und Hopfen die Existenzgrundlage der Landwirte. Doch auch der noch junge Spargelanbau machte Fortschritte. Er löste den Hopfenanbau sukzessive ab.

1860 hatten die Hockenheimer Unternehmer Piazolo und Ikrath die erste Zigarrenfabrik in Hockenheim gegründet, der bald weitere folgten. In jenen Jahren entwickelte sich Hockenheim zu einer Hochburg der Zigarrenherstellung. Doch die hatte auch ihre Schattenseiten: Das Arbeiten in ungesunden Fabrikräumen förderte bei vielen die Tuberkulose, die auch als „Tabakkrankheit“ bezeichnet wurde. Auch die verschiedensten Kinderkrankheiten, gegen die erst Jahre später wirksame Impfstoffe gefunden wurden, kosteten noch viele Opfer.

In diesem Umfeld fand 1889 die Hockenheimer Bürgermeisterwahl statt. Von den knapp 5000 Einwohnern waren nur Männer wahlberechtigt – und zwar nur jene, die das Gemeinderecht besaßen und ihre Umlage bezahlt hatten. Von ihnen war die eine Hälfte für Ludwig Zahn, das war das Lager der „Roten“. Die andere Hälfte unterstützte Johann Schrank. Sie bezeichnete sich als die „Schwarzen“.

Die Farben dienten lediglich zur Unterscheidung, sie hatten mit Politik nichts zu tun. Pikant war im Übrigen auch, dass erstmals zwei Evangelische gegeneinander antraten.

Ein hitziger Wahlkampf

Die Anhänger der beiden Kandidaten standen sich kontrovers und unversöhnlich gegenüber. So hatte in den Wochen und Tagen vor der Wahl ein geradezu kriegerischer Geist die bisher friedliche Dorfgemeinschaft übermannt. In vielen Wirtshausreden sollen Verdächtigungen und Verleumdungen nicht zu kurz gekommen und Freibier, das von unterschiedlichsten Personen finanziert wurde, soll in Strömen geflossen sein. Das ließ zwar die eine oder andere zusätzliche Stimme erhoffen, sorgte aber auch schon für handfeste Auseinandersetzungen.

Dann kam mit dem 25. Mai 1889 endlich der voller Spannung erwartete Wahltag. Er war ein Samstag, gewählt wurde bis Mittag. Doch danach wurde nicht gleich ausgezählt, womit das erwartungsvolle Wahlvölkchen gerechnet hatte, sondern zwecks leiblicher Stärkung erst einmal eine längere Pause bis 15 Uhr eingelegt. Als dann endlich das Auszählen begann, wurden Personen, die dies mitverfolgen wollten, von den Gemeinde-Gendarmen aus dem Wahllokal gewiesen. Das war alles andere als vertrauensbildend.

Das Wahlergebnis war knapp. Auf Bürgermeister Zahn entfielen 398 Stimmen und auf Gemeinderat Schrank 393. Dieser Ausgang war wohl für jeden der Kandidaten unbefriedigend, besonders natürlich für den Wahlverlierer. Dessen Anhänger bezweifelten die Korrektheit des Wahlergebnisses. So gab ein Wort das andere, und schon lagen sich die „Schwarzen“ und „Roten“ heftig in den Haaren. Die verbalen Auseinandersetzungen mündeten in eine schlimme Schlägerei mit zig Beteiligten. So hinterließ die Bürgermeisterwahl am Ende bei so manchem Kombattanten erhebliche körperliche Blessuren und tiefe emotionale Spuren.

Das Ganze hatte ein gerichtliches Nachspiel, in dem jene, die sich in der Schlägerei besonders hervorgetan hatten, zu empfindlichen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Außerdem war die unterlegene Partei mit ihrer Anfechtungsklage gegen die Wahl beziehungsweise den Wahlausgang erfolgreich. Der Verwaltungsgerichtshof Karlsruhe entschied mit „allerhöchstem Urteil“ vom 16. Oktober 1889, die Wahl sei durch unerlaubte Mittel stark beeinflusst worden und könne deshalb nicht als gültig anerkannt und aufrechterhalten werden. Sie sei zu wiederholen. Die Kosten habe die Gemeinde zu tragen.

Ludwig Zahn wiedergewählt

So kam es zu einer erneuten Bürgermeisterwahl. Bei dieser trat Johann Schrank jedoch nicht mehr an. Vermutlich hatten ihm die mit dem ersten Wahlgang verbundenen Kalamitäten das Interesse an einer weiteren Kandidatur vergällt. Bürgermeister Zahn jedoch blieb bei der Stange. Er hatte mit dem Gemeinderechner Ludwig Naber zwar einen neuen Gegenkandidaten, doch da die Anhänger der „schwarzen“ Partei größtenteils der Wahlurne fern blieben, wurde er mit großer Mehrheit im Amt bestätigt.

Bürgermeister Zahn amtierte bis 1904, also 21 Jahre. In seiner Amtszeit erlebte Hockenheim einen ersten beachtlichen Aufschwung. 1890 wurde das an der Oberen Hauptstraße/Rathausstraße errichtete Rathaus eingeweiht. Drei neue Schulgebäude, eine gewerbliche Fortbildungsschule wurden in seinen Amtsjahren erstellt, eine Kanalisation hergestellt und Straßen mit Gehwegen angelegt.

Zudem begann in seiner Zeit die städtebauliche Erschließung östlich des 1882 aufgegebenen Friedhofs. Dessen Areal, auf dem sich heute die evangelische Kirche, die Pestalozzischule, der Marktplatz und ein Teil der Stadthalle befinden, erstreckte sich westlich der Parkstraße zwischen der Heidelberger Straße und der Luisenstraße.

Kraichbach neu trassiert

Im Jahre 1894 fand eine erste Neutrassierung des Kraichbachs durch einen Durchstich statt, der von der „Schafsbrücke“ („Schließ“) bis zur Oberen Mühle erfolgte. Mit der Begradigung des Bachlaufs und stärkerem Gefälle hoffte man, die Antriebskraft der Mühle zu verbessern.

1895 wurde Hockenheim zur Stadt erhoben. Außerdem wurde unter Zahns Ägide 1902 das Gaswerk an der Karlsruher Straße gebaut, mit dem Gas für die Beleuchtung und fürs Kochen erzeugt wurde.

Bürgermeister Zahns Verdiensten trug die Stadt Hockenheim erst in den 1950er Jahren Rechnung: Sie benannte nach ihm eine Straße in einem neuen Wohngebiet, parallel zur Schwetzinger Straße, zwischen Ziegelstraße und Philipp-Schwab-Straße.

Anmerkung: Es sollte nicht ganz 100 Jahre dauern, bis doch ein Hockenheimer namens Schrank den Chefposten im Rathaus einnahm: Johann Adam Schrank war der Urgroßvater des späteren Bürgermeisters und Oberbürgermeisters Gustav Schrank (Bild: Lenhardt), Hockenheims Stadtoberhaupt von 1978 bis 2004.

Quellenhinweis

Der Bürgermeisterwahl von 1889 hat der Heimatforscher Ernst Brauch in seinem 1965 herausgebrachten Hockenheimer Heimatbuch „Hockenheim – Stadt im Auf- und Umbruch“ auf den Seiten 138 bis 141 nach einem umfangreichen Bericht von Rektor Willi Kern ausführlich beschrieben.

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