Hockenheim

Das neue Buch Sybille Heidenreich will mit „Wunschlandschaften“ eine positive Einstellung zu klimafreundlicher Veränderung schaffen

Nachhaltigkeit hat utopisches Potenzial

Archivartikel

Die Diskussion um Klimawandel und Artensterben verbreitet zuweilen endzeitliche Stimmung, die die Eigenverantwortung zu lähmen droht: „Ist ja eh schon alles zu spät . . .“ Die in Hockenheim lebende Germanistin und Kunsthistorikerin Sybille Heidenreich wirbt in ihrem neuen Buch für eine positive Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit: „Ich wollte es vom anderen Ende her betrachten: von dem utopischen Potenzial, das in der Nachhaltigkeit steckt – für eine positive Einstellung zu Veränderung.“

„Wunschlandschaften – Bilder vom guten Leben und die Utopie der Nachhaltigkeit“ heißt ihr soeben im Verlag Königshausen & Neumann erschienenes Werk. Den titelgebenden Begriff hat sie Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ entlehnt. Er stamme aus einer Zeit, „in der man gesellschaftliche Utopien liebte“, sagt sie schmunzelnd. Sie halte es für an der Zeit, das konzeptionelle, nach vorne gerichtete Denken wieder zu etablieren.

Wechselnde Idee vom „guten Leben“

Mit ihrem Mann, dem Biologen Uwe Heidenreich, hat sie Lehraufträge zum Thema Ökologie und Nachhaltigkeit. Dabei versucht sie, auch die Kultur einzubringen. „Ich habe mir ein Feld erschlossen, das man Kulturökologie nennen könnte.“ Kultur bedeutet für sie auch, welche Bilder die Menschen im Kopf haben, was sie für selbstverständlich halten, für den Sinn des Lebens. Darauf deutet der Untertitel „Bilder vom guten Leben“ hin, aber auch die Titelillustration: Sie zeigt Pieter Bruegels Bild „Das Schlaraffenland“.

Das in den Hungerkrisen des Spätmittelalters entstandene Bild zeige eine soziale Utopie der damaligen Zeit: keine Not mehr leiden zu müssen, Essen und Trinken fallen den Menschen in den Mund. Die Konsumgesellschaft habe diesen Traum weitgehend erfüllt. „Das zeigt, dass Utopien Wirklichkeit werden können – es kann nur eben eine Weile dauern“, sagt Heidenreich.

Heute verbreite sich das Bewusstsein, dass das gute Leben nicht nur im Konsum oder in der Fernreise liegen muss. Im Schlusskapitel „Die große Verwandlung“ untersucht sie ein neues Verständnis von Lebensqualität. Das könne mit einem „Weniger-ist-mehr“ einhergehen – müsse jedoch nicht zum Verlust an Lebensqualität führen, weil die Gesundheit gefördert wird, etwa durch klimagerechte Ernährung.

„Man muss das Thema ganzheitlich betrachten“, ist Sybille Heidenreich überzeugt: Das E-Auto oder die Windkraft allein werden nicht die Lösung sein, Veränderungen müssten auf vielen Ebenen umgesetzt werden, „und da will ich einfach eine gewisse Zuversicht und utopischen Geist verbreiten“, erläutert sie die Motivation für das Nachfolgewerk zum im März 2018 erschienenen Buch „Das innere Auge“. Etwa ein Jahr hat sie daran gearbeitet – basierend auf Erfahrungen und Lehrtätigkeiten der vergangenen 15 Jahre.

Ihr und ihrem Mann ist in der laufenden Diskussion „zu viel negative Mythologie“ enthalten: „Die Leute werden mit immer neuen Schrecken von einer Ecke in die andere gejagt – und das demotiviert.“ Oder führe zu Verdrängung und Gleichgültigkeit.

„Wir haben nicht ewig Zeit“

Darum versucht sie, mit positiven Gesamtbildern zu arbeiten. In der Kunstszene spiele das Thema Klima und Nachhaltigkeit inzwischen eine große Rolle, sie liefere wertige Beiträge. Heidenreich ist überzeugt: Nachhaltigkeit muss keine Utopie bleiben. „Es ist möglich, es gibt Konzepte, sie werden nur noch nicht richtig diskutiert – vielleicht ist die Politik zu vorsichtig.“ Es gehe nicht um Verbote, sondern um Alternativen. Leitbilder, wo es hingehen soll, fehlten noch. Dafür müssten Politik und Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

Ihr Buch, das auf eine verständliche Sprache setzt, arbeitet mit positiven Bildern, die jedem Kapitel vorangestellt sind. Die Utopien von einst, zeigt Heidenreich auf, sind großteils erreicht, nun müssten sie nachjustiert werden – nicht von Einzelnen, sondern von der Gesellschaft. „Es muss leider ziemlich schnell gehen. Wir haben nicht ewig Zeit – nicht so viel wie seit dem Mittelalter bis zum Schlaraffenland.“

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