Hockenheim

Im Interview Der Streckenmeister des Hockenheimrings hat seinen ersten Grand Prix gut überstanden und zeigt Optimismus für eine Wiederholung / Für ihn braucht Königsklasse viel mehr Fannähe

Nerpel: „Vielleicht war das Wochenende ja ein Riesenerfolg“

Archivartikel

Das erste Formel-1-Wochenende hat Jochen Nerpel mit Bravour gemeistert. Für den Leiter der Strecke auf dem Hockenheimring könnte es aber gleichzeitig der letzte Grand Prix gewesen sein, denn Hockenheim droht das Aus. Im Interview spricht Nerpel über den mutmaßlichen Abschied und mögliche Lösungsansätze.

Herr Nerpel, Sie sind seit Oktober 2016 am Hockenheimring tätig. Demnach war es für Sie das erste Formel-1-Wochenende. Wie war es?

Jochen Nerpel: Alles ist sehr interessant gewesen, und alles ist zufriedenstellend gelaufen. Die Formel 1 ist eine ganz andere Welt. Es sind so viele Lkw, und alles muss koordiniert werden – es sind unheimlich viele Bereiche, die aufeinandertreffen, das ist aufregend und einfach eine andere Hausnummer als die üblichen Großveranstaltungen hier.

Sie haben gesagt, die Aufgabe sei mehr als nur ein Job: Sie sei gleichzeitig auch eine Herausforderung.

Nerpel: Wir haben – unabhängig vom Job – in dieser Zeit eine Menge verändert. Wir haben viele Bereiche aufgeräumt und neu sortiert. Wir sind jetzt auf einem anderen Weg als noch vor zwei Jahren.

Immer wieder kreist das Thema Abschiedsstimmung über dem Wochenende. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Nerpel: Wir wissen, dass wir gut sind, deswegen nehme ich das alles positiv wahr. Am Ende ist es doch immer eine Frage des Geldes, aber ich sage ganz ehrlich: Kein Unternehmer würde alle zwei oder drei Jahre sein Unternehmen auf Rot oder Schwarz setzen, und man muss einfach verstehen, dass man da einfach eine Neuausrichtung anstreben muss.

Sind Sie in den Austausch mit Ring-Chef Georg Seiler involviert?

Nerpel: Wir stehen immer in Kontakt – auch mit den Leuten des neuen Vermarkters Liberty Media. Man muss einfach abwarten, es gibt noch gar keine Tendenzen. Für mich persönlich kann ich sagen: Eine Formel 1 ohne Deutschland-Grand-Prix ist ein schlechter Witz, aber wir arbeiten an einer Lösung.

Sie waren früher selbst Formel-Rennfahrer und sind auch hier häufig unterwegs gewesen.

Nerpel: Ich bin in Hockenheim aber nie ins Ziel gekommen. In der Formel-König lag ich mal vorne, bis mir der Zweite reingefahren ist. In der Formel VW ist mir in der letzten Runde das Differential gerissen, und in der Formel 3 ist mir mein Teamkollege in die Karre gefahren.

Haben Sie einen Draht zu den Fahrern und den Teams?

Nerpel: Mich interessiert schon, ob die Strecke gut ist oder nicht. Und das können die Fahrer am besten sagen. Manchmal entscheiden das Leute, die nie in einem Auto gesessen sind, deswegen ist es wichtig, einen Austausch mit den Fahrern zu haben.

Bedeutet es aber auch, dass ihr Tag etwas ruhiger ist, wenn das Rennwochenende läuft?

Nerpel: Es sind dann nur noch 300 oder 400 Anrufe am Tag und 70 Nachrichten auf dem Handy.

Umso glücklicher bin ich, dass es mit dem Interviewtermin geklappt hat . . .

Nerpel: Es ist doch wichtig, auch positive Zeichen zu geben.

Und das wird honoriert – schließlich waren die Tribünen ausverkauft.

Nerpel: Der Sport ist ja auch nicht schlecht. Es sind drei Teams, die vorne um die Weltmeisterschaft kämpfen – und das in Zehntel- oder sogar Hundertstelabständen. Wir müssen den Sport wieder mehr an den Mann bringen.

Was fehlt der Formel 1 denn?

Nerpel: Echte Typen wie früher James Hunt einer war. Jungs, die sagen: „Wenn mir der Depp noch einmal in die Karre fährt, dann ist der Teufel los.“ Dann gäbe es auch mehr Geschichten für die Presse, aber die Fahrer werden ja direkt nach dem Aussteigen geimpft, was sie sagen dürfen und was nicht. Alles einstudiert und jede Woche das gleiche.

Und was muss zusätzlich noch getan werden?

Nerpel: Die Formel 1 braucht viel mehr Fannähe. Die Zuschauer müssen noch näher rankommen an das Geschehen. Der Pitwalk, bei dem man quasi durchgeschoben wird, sollte stressfreier sein. Da sollten auch die Fahrer da sein und Rede und Antwort stehen oder mal ein Autogramm schreiben – ohne, dass gleich jemand dazwischenspringt.

Insgesamt sind Sie aber optimistisch?

Nerpel: Wir haben ganz gute Aussichten, und vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, die Situation mal undeutlich in die Welt hinauszurufen: Passt auf Leute, wir sind eine kleine Firma. Wir haben keine Unterstützung von irgendwelchen Verbänden oder dem Land.

Nur die Millionen-Metropole Singapur ist neben dem Hockenheimring noch in kommunaler Hand.

Nerpel: Hier wohnen etwas mehr als 20 000 Menschen, und jetzt erklären Sie mal in einer Stadt, der zu 94 Prozent die Rennstrecke gehört und die damit zwei Millionen Miese macht, den Bürgern, dass es im Kindergarten nicht einmal eine neue Schaukel gibt. Da ist das Vorgehen doch verständlich. Deshalb muss man bei Dingen, die so entscheidend sind, einfach mal Zeit lassen. Ich bedauere das zwar, weil es schon etwas Besonderes ist, dass so ein Formel-1-Rennen in so einer kleinen Stadt überhaupt gestemmt werden kann. Und da gehören alle Vereine, die beteiligt sind dazu. Der Zusammenhalt zwischen ihnen – das ist mit Rennen wie in Miami oder wo die Formel 1 hin möchte, nicht vergleichbar. Ich weiß nicht, wo die Story hingeht, aber wir sind auf keinem schlechten Weg – vielleicht war das Wochenende ja ein Riesenerfolg.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional