Hockenheim

Lutherhaus Landwirtschaft im Kreuzfeuer der Kritik / Rolf Brauch spricht bei Bezirksmännervesper im Lutherhaus und ruft zur Änderung des Konsumverhaltens auf

Plädoyer: regional, saisonal und fair kaufen

Hockenheim/Region.Groß war der Zuspruch bei der Bezirksmännervesper zum Thema „Landwirtschaft in der Kritik“. 65 Männer und Frauen aus Hockenheim und Brühl, Alt- und Neulußheim, Plankstadt und Eppelheim, aus Oftersheim und Rot-St.Leon waren der Einladung ins Lutherhaus gefolgt. Sie waren gekommen, um zu genießen, was Hockenheimer Landwirte produzieren und in ihren Hofläden verkaufen: Hausmacher Wurst, selbst gefertigter Käse und Bauernbrot fanden großen Anklang, ebenso wie Lisas Bioapfelsaft.

Zum anderen waren sie gespannt, den momentanen Lagebericht zur Landwirtschaft von Rolf Brauch, Regionalbeauftragter des Kirchlichen Dienstes auf dem Lande, zu hören. Der Diplom-Agraringenieur hatte Überraschendes zu bieten: Nur noch 1,4 Prozent aller Erwerbstätigen sind heute in der Landwirtschaft tätig mit einer Wertschöpfung von sechs Prozent. Zusammen mit der Fortwirtschaft pflegen sie 80 Prozent der Fläche Baden-Württembergs. Zu ihnen kommen noch elf Prozent der Beschäftigen hinzu, die im Agribusiness tätig sind, in Berufen, die mit der Landwirtschaft in Verbindung stehen wie Traktoren-hersteller, Bäcker, Metzger, Molkereien und Lebensmittelproduzenten.

Unschätzbarer Beitrag zur Qualität

Die Leistung der Landwirtschaft für die Gesellschaft trägt laut Brauch einen unschätzbaren Beitrag für die Güte der Nahrungsmittel bei, die von der Gesellschaft viel zu wenig geachtet und beachtet wird. Stattdessen ist immer öfter Kritik an Industrialisierung der Landwirtschaft zu hören.

Viele Menschen, so der Referent, verständen gar nicht mehr, wie Landwirtschaft heute funktioniere: „Nach dem Krieg gab es in Deutschland noch 1,6 Millionen Betriebe, heute lediglich noch 180 000. In den letzten 20 Jahren haben pro Jahr 20 0000 Betriebe geschlossen. Die freiwerdenden Ackerflächen sind in andere Betriebe übergegangen. Die Anbaumethoden, die landwirtschaftlichen Maschinen, die notwendigen Investitionen haben sich ernorm verändert. Heute überleben nur noch große Betriebe. Ihnen liegt eine große Bandbreite spezieller Bewirtschaftung zugrunde wie Schweine- und Rindermast, Getreide, Rüben, Gemüse- und Obstanbau. Ohne Hunderttausende von saisonalen Arbeitskräften aus dem Osten kann heute gar keine Ernte mehr eingebracht werden.“

Der Wandel in der Landwirtschaft ist laut Brauch unumkehrbar. Er geschieht in Schritten über Jahrzehnte hinweg. Damit er den Anforderungen an Klimagerechtigkeit, an gesunder Lebensmittelproduktion entsprechen kann, brauche es aber auch verlässliche Richtungen in der Landwirtschaftpolitik der Regierungen, die auch Jahrzehnte im Blick haben und nicht allein vier Jahre Regierungsdauer: „Die Landwirtschaft ist nicht das Problem, sondern die Lösung des Problems.“

In einem letzten Schritt wandte sich Rolf Brauch dem heutigen Umgang mit Lebensmitteln zu: „Zum einen ist der heutige Fleischkonsum zu hoch. Die Tiermast benötige Futtermittel, die auf Ackerflächen angebaut werden, die für lebensnotwendigen Grundlebensmittel benötigt würden. Zum anderen gehen 30 Prozent der produzierten Lebensmittel verloren. Sie werden gekauft und dann weggeworfen, sie verderben beim Transport und der Lagerhaltung. Es wäre genug für alle auf der Welt da. Niemand müsste hungern.“

Forderungen kosten auch Geld

In seinem Schlussplädoyer rief Brauch die Besucher auf, ihr eigenes Konsumverhalten zu überdenken: regional, saisonal und fair zu kaufen. „Und wenn die Gesellschaft Forderungen an die Landwirtschaft hat, dann müsse sie dafür auch bezahlen“, so der Referent.

Heftig wurde im Anschluss diskutiert. Es war eine Männervesper, die einen zum Nachdenken brachte und neugierig machte, künftig mit anderen Augen auf Entwicklungen in der Landwirtschaft zu schauen. ekr

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