Hockenheim

Schläger kann positive Bilanz nicht zerstören

Hockenheim.

Er hatte noch 29 Arbeitstage als Oberbürgermeister von Hockenheim vor sich, als ein brutaler Angriff Dieter Gummer völlig unerwartet aus dem Alltag riss und auf die Intensivstation zwang. Das Entsetzen und die Anteilnahme waren groß, ebenso das Rätselraten über die Hintergründe der feigen Attacke. Während die Polizei nach wie vor nach dem Täter sucht, erholt sich Dieter Gummer langsam. In der Rehabilitation, die er in dieser Woche begonnen hat, beantwortet der 67-Jährige per E-Mail die Fragen unserer Zeitung zu seiner aktuellen Verfassung und den Auswirkungen, die die Attacke auf seinen Ausstieg aus dem Amt und die Verabschiedung am 23. August, seinem 68. Geburtstag, hat.

Eine Umfrage unter Kommunalpolitikern, die wir nach dem Angriff auf Sie durchgeführt haben, ergab, dass viele der Befragten zumindest schon mit Bedrohungen konfrontiert waren. Hatten auch Sie zuvor schon solche Erfahrungen machen müssen?

Dieter Gummer: Vor etwa zehn Jahren wurde ich von unserer Kriminalpolizei informiert, dass es eine Bedrohungssituation gab. Der „Präsident“ einer mir bis dahin nicht bekannten Gruppe hatte Drohungen gegen mich formuliert. Dies hat zu polizeilichen Vorsorgemaßnahmen geführt. Ich persönlich habe aufgrund dieses Hinweises unterlassen, unseren Namen an unserem neu gebauten Haus in Hockenheim anzubringen. Dabei wusste ich sehr wohl, dass dies bei manchen Leuten zu hämischen Bemerkungen führen würde, aber diese kleine Sicherheit wollte ich mir doch erhalten.

In der Pressemitteilung der Stadtverwaltung heißt es, Sie seien auf dem Weg der körperlichen Besserung - wie geht es Ihnen seelisch?

Gummer: Im Laufe der Zeit heilen Wunden. Damit meine ich sowohl körperliche als auch seelische. Bei mir ist das nicht anders. Zu den körperlichen: Die Prellungen haben so langsam ihre Farben abgelegt. Der Bruch des Unterkiefers scheint gut zu verheilen. Die Fäden wurden gezogen, die Gummizüge und Schrauben in Ober- und Unterkiefer entfernt. In drei Monaten müssen dann nur noch die beiden Titanplatten und die Verschraubungen an der Bruchstelle operativ entfernt werden. Aufgrund der Hirnblutungen musste der Schädel geöffnet und das Hämatom entfernt werden. Die Klammern wurden Ende letzter Woche entfernt und auch diese Wunde heilt. Zu den seelischen Wunden: Die Frage, was diese Aktion sollte, ob und welchen Hintergrund sie hatte, kann wohl nur der Täter beantworten. Diesen Hintergrund würde ich natürlich gerne kennen. Das gelingt wohl nur, wenn die Ermittlungsbehörden den Täter feststellen können. Ich denke aber schon, mit diesem Thema so umgehen zu können, dass diese Erfahrung sich nicht auf mein restliches Leben auswirkt - ich will und werde das nicht zulassen.

Wie ging es Ihrer Familie in dieser Zeit?

Gummer: Belastend ist für mich wesentlich mehr, wie unsere Familie mit diesem Schock zukünftig umgehen wird. Man kann schon davon sprechen, dass es ein Schock war. Andererseits halte ich uns gemeinsam für stark genug, auch diese schwierige Situation nachhaltig zu meistern. Unterstützung erfahren wir ja auf vielfältige Weise. Dazu gehören sicherlich die zahlreichen Genesungswünsche, aber auch Angebote zur Unterstützung jeglicher Art. Was meiner Familie dabei jedoch ganz besonders zusetzte, war das Verhalten von Medienvertretern. Während ich mich in der Intensivstation befand, haben tatsächlich zwei Personen versucht, dort Zutritt zu erlangen, gleiches in der Kieferchirurgie. Auch das Gebaren dieser Menschen vor dem Wohnsitz meiner Familie haben wir als sehr belastend empfunden. Das war meiner Genesung sicherlich nicht zuträglich.

War es Ihnen in den knapp vier Wochen nach dem heimtückischen Angriff zumindest einen Tag möglich, nicht an das Geschehen zu denken?

Gummer: An das Geschehen werde ich täglich mehrfach erinnert. Das beginnt bei der Einnahme von Medikamenten, beim schmerzhaften Rasieren und Zähneputzen. Dass ich momentan nur passierte Kost zu mir nehmen kann, ist schon ein Fortschritt, nämlich weg von Suppen, hin zu festen Speisen. Das wird wohl noch einige Wochen so gehen. Außerdem sehe ich ja auch täglich die Narbe auf meinem Kopf. Gedanklich befasse ich mich aktuell weniger damit.

Werden Sie und Ihre Familie die von der Polizei angebotene psychologische Betreuung in Anspruch nehmen, um den Angriff zu verarbeiten?

Gummer: Natürlich nehmen wir die psychologischen Unterstützungsangebote gerne an. Diese haben schon in der Klinik begonnen. Weitere Maßnahmen folgen.

Halten Sie es für plausibel, dass die Attacke mit Ihrem Amt verbunden war, das Sie ja wenige Wochen später ohnehin abgeben wollten?

Gummer: Was ich ausschließen kann, ist jedenfalls, dass es in unserem privaten Umfeld Unstimmigkeiten gibt, welcher Art auch immer. Unser privates Umfeld ist intakt. Ob die Attacke mit der Wahrnehmung meines Amtes verbunden war, kann ich aber nicht verlässlich beantworten. Jedenfalls sind solche heimtückischen Angriffe in keiner Art und Weise zu tolerieren. Sie sind vor allem kein Mittel im Diskurs, auch wenn man unterschiedliche Ansichten über Fragen hat. Ich halte das eher für ein Armutszeugnis.

Wissen Sie, wie lange Sie noch in stationärer Behandlung bleiben müssen?

Gummer: Diese Woche hat die Rehabilitationsmaßnahme begonnen. Damit ist die stationäre Behandlung in der Klinik - bis auf die Entfernung der Platten am Unterkiefer - beendet.

Sie werden an Ihrer seit Monaten geplanten Verabschiedungsfeier teilnehmen. Musste der Ablauf mit Rücksicht auf Ihre Verletzungen geändert werden?

Gummer: Ja, an der Verabschiedung werde ich auf jeden Fall teilnehmen. Mir ist wichtig, mich offiziell von unseren Bürgerinnen und Bürgern zu verabschieden. Denn sie waren es, die mir in den 15 Jahren immer wieder den Rücken gestärkt haben. Ich habe nicht nur wiederholt die Legitimation für das Amt, sondern auch die erforderliche Kraft aus den zwischenmenschlichen Begegnungen bezogen. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Eine Änderung ist die, dass ich die Anwesenden, wie ich es all die Jahre beim Neujahrsempfang so praktiziert habe, nicht einzeln und mit Handschlag begrüßen kann. Das wird aus Rücksicht auf meine Gesundheit nicht sein können. Aber ich freue mich über die Teilnahme der Bürgerinnen und Bürger.

Ansonsten verlasse ich mich auf die organisatorischen Fähigkeiten meiner Kolleginnen und Kollegen und auf das Einfühlungsvermögen und die Rücksichtnahme aller Gäste.

Es soll ja auch Überraschungen geben. Diese kenne ich nicht und bin natürlich gespannt. Ich freue mich auf die Verabschiedung und die Teilnahme von Menschen, bei denen ich mich wohl und geborgen fühle. Ich bin sicher, dass dies in einem würdigen Rahmen erfolgt.

Was bedeuten der Angriff und seine Folgen für Ihren Übergang vom Amt in den Ruhestand - Sie hatten sich sicher vorgenommen, viele abschließende Gespräche zu führen?

Gummer: Die Antwort ist einfach: Die komplette Planung ab dem 16. Juli wurde „über den Haufen“ geworfen. Zahlreiche abschließende Gespräche waren terminiert. Diese sind nun in meiner Amtszeit nicht mehr möglich. Ungeachtet dessen hoffe ich auf ganzheitliche Genesung. Dann werde ich auch wieder am örtlichen Geschehen teilnehmen können. Das braucht natürlich etwas Zeit.

Ziehen Sie in Betracht, in diesem Zusammenhang auch über den 23. August hinaus ins Rathaus zu kommen, um Dinge abzuschließen?

Gummer: Durch die Reha-Maßnahme bin ich ja zeitlich gebunden. Ich werde noch meine persönlichen Dinge mitnehmen und versuchen, einen „aufgeräumten Tisch“ zu hinterlassen. Das hängt aber allein von meinem Gesundheitszustand ab.

Beeinflusst die Gewalttat Ihre Gesamtbilanz Ihrer Tätigkeit in Hockenheim?

Gummer: Nein, diese Attacke wird die positive Einschätzung, die ich aus dem 15-jährigen Engagement mitnehme, auf keinen Fall beeinflussen. Ich hätte wirklich in keiner anderen Stadt als Hockenheim Oberbürgermeister sein wollen -und diese Einschätzung lasse ich doch nicht von einem Schläger kaputtmachen. Solche Menschen dürfen in unserem demokratischen Rechtsstaat Meinungsbilder nicht beeinflussen.

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