Hockenheim

Im Interview Dirigent Dominik Koch, Julia Martens, Julia Berger und die Vorsitzende Gabriele Christ berichten über ihren Alltag und wie sie die Corona-Krise erleben

Stadtkapelle steigt auf digitale Medien um

Archivartikel

Hockenheim.Normalerweise säßen an einem Dienstagabend um 20 Uhr rund 50 Musiker der Stadtkapelle in ihrem Proberaum in der Mensa des Gauß-Gymnasiums. Dirigent Dominik Koch würde mit ihnen an einem der Stücke für das geplante Doppelkonzert am Samstag, 30. Mai, mit der Koninklijken Philharmonie Bocholtz aus den Niederlanden proben. Doch wie überall sonst ist auch bei der Stadtkapelle alles anders. Proben, Auftritte, Freizeitaktivitäten und sogar das traditionelle Waldfest an Christi Himmelfahrt und eben auch das geplante Konzert – alles muss wegen des Coronavirus entfallen oder verschoben werden. Nichtsdestotrotz versucht der Verein, das Beste aus dieser Situation zu machen.

So hält er wegen geltender Kontaktbeschränkungen die Vorstandssitzungen derzeit digital ab, um trotzdem weiter planen und auch Angebote für sowohl Musiker als auch Bewohner Hockenheims organisieren zu können. Auch ist in der Planung, wie man ausgefallene Veranstaltungen verschieben kann oder welche Alternativen es für das Doppelkonzert geben könnte. Als Ersatztermin für das Waldfest zum Beispiel wurde das erste Septemberwochenende festgelegt. Statt normalen Proben, Auftritten und anderen Freizeitaktivitäten muss jetzt jeder für sich üben, was sehr gut möglich ist, da Dirigent Dominik Koch, eigens für seine Stadtkapelle Probevideos aufgenommen hat, in denen er die aktuelle Literatur bespricht und probt. Zudem treffen sich die Musiker des Hauptorchesters zur normalen Probenzeit zu einem Musikerstammtisch per Videochat, um die Gemeinschaft zu pflegen und sich auszutauschen. Ein digitaler Atemworkshop ist geplant und neue Software wird getestet, wie man digitale Proben abhalten kann. Des Weiteren bietet die Stadtkapelle einen Ständchenservice an, bei dem zwei Musiker zum Beispiel an Hochzeitstagen oder Geburtstagen ein paar Stücke spielen.

Aber nicht nur für die erwachsenen Mitglieder ist es eine schwierige Zeit. Da der Verein viel in seine Jugendarbeit investiert und aufgrund dessen auch zahlreiche jüngere Mitglieder hat, ist es für diese gerade besonders schade, dass das Zeltwochenende oder ein Ausflug nach Tripsdrill im Sommer entfallen muss. Damit es vor allem den jüngsten Mitgliedern, den Kindern der Bläser-AG, die gerade erst begonnen haben, ein Instrument zu erlernen, nicht zu langweilig wird, denken sich die Leiterinnen der Bläser-AG jede Woche spielerische Aufgaben aus. Diese reichen von einen Ton möglichst lang auf dem Instrument auszuhalten bis hin, einen Notenständer möglichst schnell aufzubauen.

Die Stadtkapelle lässt sich von der Krise nicht unterkriegen und hat sich Konzepte ausgedacht, um die Zeit musikalisch zu nutzen, in der Hoffnung, dass die Proben bald wieder aufgenommen werden können.

Im Interview sprechen Dirigent Dominik Koch, Jugendleiterin Julia Martens, Jugendvertreterin Julia Berger und die Vorsitzende Gabriele Christ über die Herausforderungen für die Stadtkapelle.

Was vermissen Sie am meisten in der aktuellen Zeit?

Dominik Koch: In der Tat vermisse ich am meisten meinen Alltag, der sehr von Abwechslung geprägt ist (Proben, Konzerte, Auftritte). Und hierbei natürlich die Arbeit mit den vielen Menschen, die ich während der Woche treffe und mit denen ich zu tun habe. Mir fehlt auch das aktive Musikmachen im Orchestergefüge mit all seinen Facetten und Emotionen. Wenn ich sehe, dass ich noch Mitte März jede Woche mehrmals mit unterschiedlichen Orchestern geprobt und Konzerte gegeben habe und seit etwa acht Wochen gar nichts davon ging, ist es schon krass. Von den zusätzlichen Engagements im Bereich des Jurierens, Coachens und der Gastdirigate mal ganz abgesehen. Alles musste ausfallen und ich vermisse es sehr.

Julia Martens: Auf den Verein bezogen vermisse ich gerade am meisten das gemeinsame Musizieren, zusammen etwas zu unternehmen, zu quatschen und einfach das Miteinander. Das gehört eigentlich in den Alltag und man merkt, dass da etwas fehlt!

Julia Berger: Besonders wenn man nach Proben oder Auftritten noch etwas zusammen unternimmt oder beisammensitzt. Einfach auch die Freunde aus dem Orchester zu sehen.

Gabriele Christ: Ich vermisse den ganz normalen Alltag sehr. Immer mehr merke ich, wie ich in meiner Freizeit das gemeinsame Musizieren im Orchester vermisse.

Herr Koch, Sie vermissen Ihren Alltag momentan am meisten, wie sieht er zurzeit aus?

Koch: Mein Hauptjob liegt normalerweise beim Heeresmusikkorps Ulm, wo ich Proben, Konzerte und sonstige Auftritte durchführe, an Sitzungen teilnehme, im Büro meine Planungen und Arbeiten erledige und viel fürs Pendeln im Auto sitzen. Hinzu kommen dann meine beiden Vereinsorchester, die ich jeweils einmal die Woche zum Proben sehe und zusätzlich meine beiden Projektorchester, die punktuelle Proben und Konzerte absolvieren – neben ein paar weiteren Gastaktivitäten und Unterrichten, die ich durchführe. Aktuell ist nichts von dem machbar. Somit bin ich die überwiegende Zeit zu Hause am PC, in meinem Musikraum – plane künftige Projekte, recherchiere viel in neuer Literatur, bearbeite Liegengebliebenes oder verbringe die Zeit mit meiner Familie und bei Arbeiten im Haus und im Garten – sehr ungewöhnlich für mich. In Ulm haben wir einen Notdienst eingerichtet, den auch ich in der Regel einmal pro Woche leite. Aber alles außerhalb des aktiven Musikausübens.

Was sind Ihre größten Sorgen für die symphonische Blasmusik die durch das Coronavirus ausgelöst wurden?

Koch: Es sind nicht wirklich Sorgen. Aber aktuell merken viele Menschen, dass die Musik (auch die symphonische Blasmusik) für viele „nur“ eine Freizeitbeschäftigung und ein gewisser Luxus ist, auf den wir in solchen Zeiten eben verzichten müssen und können. Dabei hoffe ich, dass viele Menschen merken, dass was im Alltag fehlt und wie sehr sie es vermissen, gemeinsam mit Gleichgesinnten Musik zu machen oder sich von einem Orchester in seinen Bann ziehen zu lassen. Es wäre fatal, wenn die Musik entbehrlich wäre oder werden würde. Da aber ein Orchester nicht nur die Musik als wichtigen Aspekt beinhaltet, mache ich mir da doch recht wenig Gedanken, dass so was passieren könnte. Wichtig ist dabei aber auch, dass unser Publikum und die Konzertbesucher ebenfalls etwas vermissen und sich auf die Zeit danach freuen, die hoffentlich sehr bald beginnt.

Wie unterstützen Sie die Musiker der Stadtkapelle und bei anderen Vereinen aus dem Homedirigat?

Koch: Für meine Vereinsorchester hatte ich Videos erstellt, die quasi als virtuelle Probe mit gewissen Stücken die Musiker motivieren sollten. Dies macht aber nur Sinn, wenn ein konkretes Ziel, in unserem Fall ein Konzert, ansteht und wir gezielt darauf hinarbeiten können. Da dies aktuell leider nicht mehr absehbar ist, ist es vor allem sinnvoll, viel an seinen eigenen, individuellen Fähigkeiten am Instrument zu arbeiten. Ich denke gerade über neue Konzepte nach. Ich wünsche mir mit den Musikern nun ab sofort wieder regelmäßiger und intensiver in Kontakt zu treten. Deswegen prüfen wir im Moment ein Konzept einer wirklichen Liveprobe über die digitalen Medien. Ich hoffe, dass dies klappt und die Musiker auch weiter motiviert. Viele holen ihre alten Übungen aus der Ausbildung heraus oder probieren was Neues aus, was einem Spaß macht und irgendwie bei Laune hält. Dies finde ich auch den wichtigsten Aspekt dabei. Die Musiker sollen, auch wenn der wöchentliche Kontakt zu den Mitmusikern im Orchester und zum Dirigenten fehlt, auch weiterhin Spaß und positive Energie mit ihrem Instrument und der Musik allgemein behalten beziehungsweise weiterentwickeln. Ich höre aktuell wieder sehr viel Musik und lasse mich inspirieren. Dabei kommt es nicht auf die Stilistik oder das Genre an. Alles, was uns in dieser speziellen Zeit irgendwie ablenkt oder positiv stimmt, kann nur gut sein.

Kinder und Jugendliche sind momentan bereits durch Homeschooling stark in eine neue Selbstständigkeit getrieben. Wie nehmen Sie wahr, wie das beim Instrumenteüben funktioniert, ohne regelmäßigen Unterricht und Proben?

Berger: Ich denke die Größeren kommen damit noch besser klar, vor allem, da sie schon selbstständig gut proben können. Aber gerade bei unseren ganz jungen Kindern, der Bläser-AG, ist das ganze schon schwieriger. Sie sind in der zweiten oder dritten Klasse und haben teilweise gerade erst begonnen, ein Instrument zu spielen. Manche von ihnen hatten vielleicht nur ein paar Mal Unterricht und sind sich nun sich selbst überlassen. Klar, dass bei ihnen der Griff zum Instrument nicht so selbstverständlich ist wie bei uns Größeren. Deshalb stellen Julia und ich den Kindern der Bläser-AG jede Woche, wenn wir eigentlich Probe hätten, eine Aufgabe. Die reichen von Möglichst-lange-einen-Ton-Aushalten über Musikinstrumente-Erkennen bis hin, einen Notenständer möglichst schnell aufzubauen. Wie man sieht, ist hier noch vieles spielerischer und auf Grundlagenvermittlung ausgelegt

Martens: Es ist schon schwer, sich selbst zu motivieren, und ich denke, das geht vielen so. Wir haben jetzt keine Konzerte oder irgendwelche musikalischen Veranstaltungen, für die es sich zu üben lohnt. Ich persönlich versuche trotzdem, regelmäßig zu üben und nehme auch die Videos, die Dominik für die Stadtkapelle gedreht hat, zur Hilfe, aber es ist eben nicht das Gleiche, wie mit dem ganzen Orchester zu proben.

Viele Aktivitäten für diesen Sommer wurden abgesagt, wie gehen Sie damit um und was sind neue Pläne?

Berger: Gerade für die Jugend ist es jetzt natürlich sehr schade, dass gerade auch viele Freizeitaktivitäten ausfallen. So wollten wir Ende Mai auf einen Jugendorchesterwettbewerb fahren, in den Ferien nach Tripsdrill gehen und hatten unser Zeltwochenende schon geplant. Für all diese Aktivitäten sieht es im Moment natürlich sehr schlecht aus, was sowohl für uns als auch für die Kinder sehr schade ist. Gerade weil wir letzten Sommer so viel Spaß bei unserem Ausflug in den Kletterwald und bei anderen Ausflügen hatten, ist es schade, dies dieses Jahr missen zu müssen. Dafür freuen wir uns aber umso mehr, nächstes Jahr wieder Sachen miteinander zu unternehmen. Zum Beispiel haben wir unser Zeltwochenende für nächstes Jahr schon gebucht, an dem wir in Tipis übernachten werden.

Martens: Wir sind, glaube ich, alle sehr traurig darüber und es ist natürlich sehr schade. Wir machen aber das Beste daraus und haben auch schon ein paar Pläne, die wir in der nächsten Zeit umsetzen möchten. Dazu haben wir auch den Ständchenservice ins Leben gerufen, um denjenigen, die aktuell keinen Besuch erhalten dürfen, eine Freude zu bereiten. Wir werden also auf Anfrage in Zweierteams (mit gewissem Abstand natürlich) Ständchen spielen. Außerdem ist noch etwas „Größeres“ in Planung, da möchte ich aber noch nicht zu viel verraten.

Unabhängig von der aktuellen Lage, wie funktioniert die Arbeitsteilung in der Jugendvertretung?

Berger: Ich würde sagen, dass das bei uns echt gut funktioniert. Während Lara viel Kreatives macht, nicht nur für die Jugendarbeit, sondern für die ganze Stadtkapelle, wie zum Beispiel Konzertplakate gestalten, kümmert sich Julia Martens um alles Organisatorische, bei dem wir sie auch unterstützen. Ich schreibe beispielsweise noch Zeitungsartikel und Till hat tolle Ideen für Freizeitaktivitäten.

Martens: Die Arbeitsteilung funktioniert gut, mittlerweile hat sich bei jedem der eigene Aufgabenbereich eingependelt, aber natürlich helfen und unterstützen wir uns alle gegenseitig bei allen Aufgaben.

Die Vorstandssitzung fand am 28. April zum ersten Mal virtuell statt Wie hat sich das angefühlt?

Christ: Ich freute mich darauf, abends wieder einen Termin zu haben und meine Vorstandskollegen zu sehen. Die Sitzung war anstrengend gewesen, jedoch haben wir sehr gut zusammengearbeitet und sind ein großes Stück in unserer Vereinsarbeit in dieser schwierigen Zeit weitergekommen.

Das traditionelle Waldfest und das Sommerkonzert mussten abgesagt werden. Wie geht der Vorstand damit um, dass musikalische und außermusikalische Veranstaltungen ausfallen?

Christ: Für uns als Verein ist es natürlich schlecht, dass unsere Haupteinnahmequelle, das Waldfest, nicht veranstaltet werden kann. Es reißt ein großes Loch in unsere Vereinskasse. Sehr schade ist es für uns, dass auch das Sommerkonzert, welches wir zusammen mit der Königlichen Philharmonie aus dem Niederländischen Bocholtz planten, nicht stattfinden kann. Jedoch schauen wir positiv in die Zukunft. Wir suchten einen Ersatztermin für unser Waldfest im September. Hier ist noch nicht klar, in welcher Form es veranstaltet werden kann. Aber egal wie, bereits heute freuen wir uns darauf. Das Sommerkonzert können wir in diesem Jahr nicht mehr durchführen, hier planen wir jedoch einen Videoclip zu drehen, welcher im Internet veröffentlicht wird. So haben die Musiker einen musikalischen Event, auf den sie sich freuen können, und die Öffentlichkeit kann daran teilnehmen, indem sie sich zu Hause den Film anschauen.

Die Stadtkapelle ist Teil des Blasmusikverbandes Karlsruhe. Wie unterstützt dieser die Vereine?

Christ: Wir erhalten regelmäßig Rundschreiben mit Hilfestellungen, Tipps und Empfehlungen. So werden wir auf dem Laufenden gehalten und können bei Bedarf den Verband mit Fragen kontaktieren.

Was ist Ihre Musikempfehlung für die Corona-Zeit?

Koch: Alles was gute Laune und positive Stimmung vermittelt. Gerade in solch einer ungewissen, speziellen Zeit ist es wichtig, dass die Menschen positiv bleiben und sich nicht unterkriegen lassen. Die Musik hilft mir persönlich sehr dabei.

Christ: Auf jeden Fall schon einmal die Vorfreude auf das nächste Konzert der Stadtkapelle!

Berger: Ich höre gerade viel Musik und Stücke von alten Konzerten, wie beispielsweise vom Symphonic Rock im letzten Jahr. Also alles von Sweet Child O‘ Mine bis symphonische konzertante Blasmusik.

Martens: Empfehlen können wir, mal auf Youtube nach der Stadtkapelle zu suchen. Da gibt es auch ein paar Videos von uns. zg

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