Hockenheim

Im Interview Wingsuit-Fliegerin Susanne Böhme über ihren Sport, ihren Unfall und ihre Deutschlandtour auf einem Spezialrad / Bei Lesung in Buchhandlung Gansler

Von Grenzen einfach nicht aufhalten lassen

Archivartikel

Susanne Böhme weiß, wie es ist zu fliegen. Nein, nicht mit dem Flugzeug. Ihr erster Sprung mit dem Fallschirm hat sie infiziert. Als eine der ersten Deutschen wird sie Wingsuit-Pilotin, trägt diesen Anzug mit Stoff zwischen Armen und Beinen. Sind die ausgebreitet und von Luft umströmt, fungiert der Stoff wie Flügel. Hunderte Sprünge gehen gut – bis zu dem Tag Ende 2012, der die Flugbegeisterte an den Boden fesselt – aber nur vorübergehend. Wie das war mit dem verheerenden Sturz, den Folgen für ihr Leben, wie sie wieder auf die Füße kam, auch wieder fliegt, erzählt sie in ihrer Autobiografie „Steh auf und flieg!“, die sie auf einer besonderen Lesereise vorstellt, die sie am Dienstag, 4. September, nach Hockenheim führt. Wir haben Susanne Böhme zu ihrem Vorhaben befragt.

Was steckte hinter der Entscheidung zum ersten Sprung und Flug mit dem Fallschirm?

Susanne Böhme: Zu meinem ersten Sprung hat mich nichts weiter als die Neugier getrieben. Und wahrscheinlich auch der uralte Menschheitstraum vom Fliegen.

Sie haben daraus, aus etwas, was für viele „nur“ Hobby ist, Ihren Beruf gemacht und eine Werkstatt für Fallschirmtechnik und einen Webshop gegründet, war das von vornherein das Ziel?

Böhme: Ich hatte schon lange damit geliebäugelt, mein Hobby zum Beruf zu machen. Dass ich in der Fallschirmtechik gelandet bin, hat sich dann einfach ergeben aus meiner Tätigkeit als Packerin und dem wachsenden Interesse daran.

Base-Jumping und Wingsuit-Fliegen sind auch nicht alltägliche Aktionen, sind sie die logische Folge aus den Fallschirmaktionen?

Böhme: Fallschirmspringen ist sehr vielseitig, vergleichbar mit einem Überbegriff wie Leichtathletik. Eine logische Entwicklung ist es sicherlich, sich auf eine Disziplin zu konzentrieren. In meinem Fall war es das Wingsuitfliegen, andere Springer spezialisieren sich zum Beispiel auf Formationen oder das Fliegen mit sportlichen Schirmen.

Was ist Glück?

Böhme: An dieser Frage beißen sich Philosophen die Zähne aus. Interessant finde ich die Beobachtung, dass Glück oder Unglück nicht unbedingt von äußeren Umständen abhängen. Es gibt glückliche Menschen, die in einfachsten Verhältnisse leben, und es gibt unglückliche Lottogewinner.

Über Ihren Unfall sagen Sie, dass das ein einkalkuliertes Risiko ist, wenn man den Sport betreibt…

Böhme: Risiken einzugehen ist etwas aus der Mode gekommen in einem Land, in dem es für alles Normen und Vorschriften gibt. Dabei ist das Leben nie ohne Risiken und die Fähigkeit, diese einzuschätzen, Fehlerquellen zu analysieren und selbst Entscheidungen zu treffen, sollte den Menschen unbedingt erhalten bleiben.

Sie fahren auf einem Spezialrad durch Deutschland, wie geht das mit Ihrer speziellen Lähmung?

Böhme: Das sogenannte Berkelbike kann ich gleichzeitig mit Armen und Beinen antreiben.

Das Konzept die Tour mit Lesungen am Abend zu verbinden ist spannend, macht Gäste quasi zu Live-Teilnehmern – wie kam es zu dieser Idee?

Böhme: Ich wurde dazu inspiriert von zwei Menschen, die mit ihren Rollstühlen von Amsterdam nach Berlin gefahren sind. Als ich dann zufällig in Kontakt kam mit dem Berkelbike-Händler Gert Wiedemann, waren die Rahmenbedingungen plötzlich perfekt.

Interessierte können Sie ein Stück auf Ihrer Tour begleiten – wie geht das?

Böhme: Mitfahrer kontaktieren mich am besten über meine Website www.steh-auf-und-flieg.de. Ich freue mich über jede Begleitung.

Was hat Sie bewegt, ihre Autobiografie zu schreiben?

Böhme: Es war von Anfang an klar, wenn ich „das“ schaffe, kann ich gar nicht anders, als ein Buch darüber zu schreiben. Da nicht ganz klar war, was „das“ überhaupt ist, das Wiederlaufenkönnen oder das wieder Fallschirmspringen, habe ich sicherheitshalber einfach beides gemacht.

Welche Zielgruppe könnte davon profitieren, Ihre Geschichte zu lesen?

Böhme: Jeder, der hier und da an Grenzen stößt, egal ob kleine, alltägliche oder große, scheinbar unüberwindbare, kann sich von meiner Geschichte inspirieren lassen. Aber auch Leser, die sich einfach nur von einer ziemlich verrückten Geschichte unterhalten lassen möchten, werden auf ihre Kosten kommen.

Sie haben drei Wünsche frei …

Böhme: Oh, das ist gemein, es gibt so vieles, das ich mir anders wünsche. Wahrscheinlich würde ich egal wie viele Wünsche für friedliches Zusammenleben und die Rettung unseres Planeten verbrauchen. Und die Antwort auf die Frage nach dem Glück interessiert mich gerade auch.

Ihr Sohn ist noch jung, können Sie sich vorstellen, dass auch er „fliegen“ will?

Böhme: Natürlich, das könnte passieren. Oder er möchte etwas ganz anderes machen. Im Moment ist er noch so jung, dass sich die Wünsche sehr schnell ändern.

Hockenheim ist Ihre erste Station, wie läuft diese etwas andere Lesung ab, was bringen Sie den Zuhörern – außer sich selbst – mit?

Böhme: In erster Linie spannende Geschichten. Erlebnisse aus den letzten Jahren genauso wie das, was ich in den ersten Tagen auf dem Rad erlebe. Da ich selbst noch nicht weiß, was mich genau erwartet, ist das auch für mich aufregend.

Info: Mehr zu Susanne Böhme und ihrer Lese-Bike-Tour unter: www.steh-auf-und-flieg.de

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