Hockenheim

Wohngebiet Anwohner kündigen Widerstand gegen Bebauungsplan „Biblis, 4. Gewann“ an / Peripherie als Heim-Standort ungeeignet und gegen Flächennutzungsplanung

„Was sollen Pflegebedürftigehier machen?“

Archivartikel

„Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich die Ankündigung der Gemeinderatssitzung gesehen habe, dass für die Umsiedlung des Pflegezentrums ein Bebauungsplan ,Biblis, 4. Gewann‘ erarbeitet werden soll“, erinnert sich Christian Kramberg noch gut an den Morgen des 21. Juli. „Keiner meiner Nachbarn hat von irgendetwas gewusst“, berichtet der Anwohner der Wilhelm-Herz-Straße im Gebiet „Biblis, 3. Gewann“. Und nachdem sie die Sitzung besucht und mit Oberbürgermeister Dieter Gummer sowie Vertretern von CDU und Grünen gesprochen hatten, hätten die Bewohner des Hockenheimer Südwestens „die Welt nicht mehr verstanden“, sagt Kramberg.

„Was sollen Pflegebedürftige hier machen?“, fragen sich Kramberg und seine Frau Dagmar sowie ihre Nachbarn Klaus Eberle und Christian Keller. Eine neues vierstöckiges Alten- und Pflegeheim mit 99 Zimmern an die Peripherie zu bauen, das mache heute keiner mehr. Dessen Bewohner wären nicht nur fernab aller städtischen Einrichtungen untergebracht, sondern auch dem Lärm der nahen Bundes- und Landesstraßen sowie der beiden Bahnstrecken ausgesetzt und würden auf die hohe Lärmschutzwand zur L 723 schauen, kritisieren die Biblis-Bewohner.

Auf Verwaltung-Aussagen vertraut

Wobei Kramberg, Keller und Eberle nicht verhehlen, dass es ihnen nicht nur um die Pflegebedürftigen geht, sondern auch um ihre eigenen Interessen: „Wir haben alle viel Geld investiert, auch junge Familien, im Vertrauen darauf, dass die Aussagen der Verwaltung stimmen, dass eine weitere Bebauung nicht im Flächennutzungsplan steht und wir in Feldrandlage wohnen werden“, erklärt Christian Kramberg, und Klaus Eberle ergänzt: „Zudem gibt es den Grundsatzbeschluss Innenentwicklung vor Außenentwicklung.“

Auf die Bitte eines Gesprächs, die an alle Fraktionen des Gemeinderats gegangen sei, hätten sich lediglich CDU in Person von Markus Fuchs und die Grünen, vertreten durch Adolf Härdle, gemeldet. Ihre Erläuterungen beunruhigten die Anwohner noch mehr. Demnach solle der Bau des Alten- und Pflegeheims nur der Einstieg sein in die weitere Bebauung des Gebiets, unter auch mit einem Kindergarten – „wir haben die Welt nicht mehr verstanden“, schildert Kramberg seine Reaktion auf diese Mitteilung.

Das zur Bebauung vorgesehene Areal sei zudem nicht nur als landwirtschaftliche Fläche ausgewiesen, sondern als solche auch genutzt, unterstreichen die Biblis-Bewohner und erhalten Zustimmung von den Landwirten Steffen Großhans und Helmut Schmitt. Großhans ist Vorsitzender des Bauernverbands und ebenfalls irritiert, dass die Stadt nicht vorab auf die Pächter der Ackerflächen, die im Besitz des Landes Baden-Württemberg sind, zugekommen sei.

Die Bürgerinitiative Biblis vermutet, dass hinter den Plänen der Verwaltung eine Regelung im Baugesetzbuch steckt, die es – aber nur noch bis Ende 2019 – erlaubt, bis 10 000 Quadratmeter im Außenbereich in Bauland umzuwandeln. „Man versucht, den Einstieg in ein neues Baugebiet zu bekommen, so lange es noch irgendwie geht.“

Luisenstraße als Alternative?

Was die Aktivisten ärgert, ist die Berufung von OB und Gemeinderatsmehrheit auf die Landesheimbauverordnung, die Pflegeheime verpflichtet, ab 31. August 2019 ausschließlich Einzelzimmer anzubieten. „Diese Verordnung wurde 2009 erlassen, man hat neun Jahre verstreichen lassen, ohne nach einer Lösung zu suchen und sich auf den Reiterplatz verlassen, bei dem man jetzt kalte Füße bekommt“, beklagt Kramberg.

Die Alternative könnte nach Einschätzung der Initiative das Gelände der Evangelischen Gemeinschaft in der Luisenstraße sein, die es verkaufen oder gegen eine andere Fläche tauschen wolle. Es grenze unmittelbar an das Pflegezentrum Offenloch an und ermögliche einen Neubau und die spätere Zusammenführung mit dem bestehenden Gebäude, ähnlich wie bei St. Elisabeth.

Würde das Alten- und Pflegeheim tatsächlich im Biblis gebaut, sei mit einem deutlich erhöhten Verkehrsaufkommen ebenso zu rechnen wie mit hohen Kosten für die Erschließung, weil das Baugelände am tiefsten Punkt in Grundwassernähe liege und regelmäßig unter Wasser stehe. Die Höhe der aktuellen Lärmschutzwand würde nicht ausreichen, sie müsse aufgestockt werden. Die Naherholungsfunktion würde weitgehend verloren gehen, befürchtet die Initiative.

Sie will sich mit der Vorgehensweise der Stadt nicht abfinden und kündigt Unterschriftensammlungen und Stammtische an. Sie hat eine Homepage mit Informationen unter der Adresse www.bib-hockenheim.info erstellt.

Die Stadtverwaltung kündigte auf Anfrage eine Stellungnahme für den heutigen Dienstag an.

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