Hockenheim

Wechsel ohne Knall und Ball

Archivartikel

Franz Anton Bankuti über ein Silvester, an dem vieles fehlen wird

Hatte ja gut angefangen. Und „Zwanzigzwanzig“ klang ja auch gut. Aber dann das . . . Gut, das Jahr geht zu Ende, wird durch ein neues ersetzt – so wie immer. Also vom Kalendarischen her betrachtet. Sonst nicht! Silvesterball? Fehlanzeige. Ältere Hockenheimerinnen und Hockenheimer werden sich noch an glanzvolle Silvesterbälle in der Festhalle erinnern, von der HCG veranstaltet. Seit fast drei Jahrzehnten ist die Stadthalle der gesellschaftliche Treffpunkt Hockenheims, auch hier sind rauschende Silvesterbälle längst Tradition.

2020 auf 2021 wird anders, das Ballkleid und der Smoking bleiben im Schrank. Zugegeben, man muss ja nicht gleich die Frage stellen: Welchen Schlafanzug ziehst du an Silvester an? Anders wird’s schon. Eben auch ohne liebgewonnene Knallerei. Vielleicht mag manch einer ins Egoistische tendierende Mitmensch sich sagen: „Warum Silvesterfeuerwerk? Ich bin das ganze Jahr der Knaller.“ Besonders überzeugend ist das erstens nicht und zweitens haben einfach viele ihren Spaß am Knallen und ihre Freude am Zuschauen.

Interessanterweise war es ja wohl im 10. Jahrhundert in China, als ein Koch in seiner Küche verschiedene Zutaten mixte und die erste von Menschen erzeugte Funkenexplosion ausgelöst haben soll. Details haben Historiker zwar nicht herausgefunden, bei den drei Zutaten soll es sich um Schwefel, Holzkohle und Salpeter gehandelt haben, also Zutaten, die damals dort in der Küche gebraucht wurden. Jahrhunderte zogen natürlich ins Land, um zu den aufwendigen bunten Feuerwerkskörpern unserer Zeit zu kommen.

Gewiss, eine stete Skepsis gegenüber den Feuerwerksvergnügungen zog sich über die Jahrhunderte hin. Der im Dezember 1863 verstorbene Dramatiker Friedrich Hebbel hatte angemerkt: „Das Publikum beklatscht ein Feuerwerk, aber keinen Sonnenaufgang.“

Interessant ist ein Gedanke zum Thema Feuerwerk, der seit Jahren in Zusammenhang mit Theodor W. Adorno, dem 1969 verstorbenen Philosophen, Soziologen, Musikphilosophen und Komponist gebracht wird: „Das Feuerwerk ist die perfekteste Form der Kunst, da sich das Bild im Moment seiner höchsten Vollendung dem Betrachter wieder entzieht.“ In seiner Schrift „Ästhetische Theorie“ erwähnt Adorno einige Gedanken des Komponisten und Schriftstellers Ernst Schoen, der von einer „unübertrefflichen Noblesse des Feuerwerks“ gesprochen hat, weil es die einzige Kunst ist, die nicht dauern will, sondern nur einen Augenblick lang strahlen und dann gleich verpuffen möchte.

Ob mit oder ohne Knall – das neue Jahr kommt auf jeden Fall. Und diesem neuen Jahr wünschen wir auf jeden Fall eine bessere Zukunft. Sind wir dafür schon „reif“? Schwer zu sagen. Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer meinte ja: „Reif ist, wer auf sich selbst nicht mehr hereinfällt.“ Ob uns das weiterbringt? Hoffen wir es.

Vertrauen wir der Aufforderung der zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke: „Lebt das Leben jeden Tag aufs Neue. Traut euch! Und vergesst nie: Es ist die Vorstellung, nicht die Probe.“

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