Hockenheim

Lutherhaus Veranstaltung vergleicht Situation mit der vor 70 Jahren

Wie Menschen einst und heute Flucht erleben

Das Thema Flüchtlinge ist derzeit so aktuell wie kaum ein anderes. Angesichts zunehmender militärischer Konflikte, der Folgen des Klimawandels, von Hunger und Elend auf der Welt sind immer mehr Menschen auf der Flucht. Doch das Thema ist nicht neu: Schon vor über sieben Jahrzehnten erlebte Deutschland eine Flüchtlingswelle, als unzählige Vertriebene hier eine neue Heimat fanden. Sind diese Ereignisse vergleichbar? Wie haben die Menschen damals die Situation erlebt und wie erleben sie die Menschen heute? Fragen, denen in einer Veranstaltung am Freitag, 24. November, 19 Uhr, im Lutherhaus, Obere Hauptstraße 24, nachgegangen werden soll.

Hierzu laden gemeinsam Margit Rothe, Beauftragte des evangelischen Kirchenbezirks Südliche Kurpfalz für Flucht und Migration, Gemeindereferent Jochen Winter von der katholischen Flüchtlingsseelsorge Heidelberg/Mannheim, der im Patrick-Henry-Village arbeitet, sowie Erich Losert vom Verein für Heimatgeschichte Hockenheim.

Erinnerung an Durchgangslager

Erich Losert steuert einen Aspekt zu dem Thema bei, der vielen Menschen so nicht bekannt ist: Zwischen 1945 und 1947 existierte in der Stadt ein Durchgangslager für "Ost-Flüchtlinge". Wie Loserts Forschungen ergaben, nahm das Lager in gut zwei Jahren über 22 000 Heimatvertriebene auf, die hier zwei bis drei Wochen in verschiedenen Schulgebäuden lebten, um danach kreisweit einzelnen Orten und Städten zugeteilt zu werden.

Der Heimatforscher berichtet in Wort und Bild über die damaligen Zustände, als die Menschen mit ihrem ganzen Hab und Gut in Viehwaggons auf dem Bahnhof Hockenheim ankamen und vorübergehend in der der Pestalozzischule untergebracht wurden.

Jochen Winter, der im Regierungszentrum des Landes Baden-Württemberg, im Heidelberger Patrick-Henry-Village (PHV) arbeitet, steuert Erfahrungen aus der Gegenwart bei. Denn vergleichbar mit damals ist das PHV ein Durchgangslager, von dem die Menschen übers Land verteilt werden.

Margit Rothe, die die Veranstaltung moderiert, ist eines ganz besonders wichtig: Die große Politik soll an diesem Abend außen vor bleiben. Ihr geht es um die Menschen. Darum, wie sich jeder Einzelne seiner Verantwortung stellt, wie die Menschen, die ins Land kommen, aufgenommen werden, und wie das Miteinander funktioniert.

Hoffen auf viele Zeitzeugen

Bekannt machen, dass es damals so ein Lager in der Stadt gab, wie damals auf die Situation reagiert wurde, wo Hilfe nötig war und wer geholfen hat - all dies sind für Rothe spannende Fragen. Weshalb sie hofft, dass viele Zeitzeugen - ob Helfer oder Vertriebene - zu der Veranstaltung kommen. Genauso, wie sie sich über den Besuch von möglichst vielen Mitarbeitern aus Asylkreisen und von Asylbewerbern freut, die die aktuelle Situation schildern und in den Vergleich zur Vergangenheit setzen können.

Natürlich, da ist sich Winter sicher, wird über allem die Frage schweben, ob man die damalige Zeit mit der heutigen vergleichen dürfe. Flüchtlinge und Vertriebene. Was Winter zu der Frage veranlasst, wie fremd Fremde sein können. Ein Unterschied steht auf jeden Fall fest - die Vertriebenen damals konnten nicht mehr zurück, die Flüchtlinge heute haben diese Option noch.

Vor ungewissem Neuanfang

Erich Losert spricht von einem "großen Schnitt", als die Vertriebenen, die zum Teil seit 500, 600 Jahren in ihrer Heimat lebten, diese verlassen mussten und sich wenig später in der Fremde wiederfanden. Doch damals wie heute ähneln sich die Bilder, entwurzelte Menschen, gestrandet in der Fremde und vor einem ungewissen Neuanfang.

Und genau hier will Margit Rothe einhaken, wenn sie die Diskussion auf den Begriff der Menschlichkeit fokussiert, über Schicksale abseits politischer Fragen reden möchte - mit möglichst vielen Menschen.

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