Hockenheim

Fahrradexkursion Grünen-Landtagskandidat Dr. Andre Baumann zeigt Schäden durch Klimawandel auf / Forstdirektion benötigt mehr Mitarbeiter für Schutzgebiet

„Wir brauchen einen gesunden Wald“

Archivartikel

Hockenheim/Reilingen.Wie wirkt sich der Klimawandel auf den Hardtwald aus? Wie kann ein klimastabiler Forst aufgebaut werden? Wie kann der Artenreichtum erhalten und gefördert werden? Die Antworten auf diese wichtigen Fragen standen im Mittelpunkt der Radexkursion durch den Hardtwald, zu der die Grünen eingeladen hatten.

Der grüne Landtagskandidat und Waldexperte Dr. Andre Baumann, der Leiter des Forstbezirks Schwetzinger Hardt von ForstBW, Bernd Schneble, und Revierleiter Achim Freund führten die Teilnehmer zusammen durch den Wald. Was das Ziel für die Zukunft ist, brachte Baumann gleich zu Beginn auf den Punkt: „Wir brauchen auch morgen einen gesunden Hardtwald.“

Im Zentrum der Exkursion standen das durch den Klimawandel verursachte Waldsterben und Strategien, wie ein klimastabiler, zukunftsfähiger Hardtwald aufgebaut werden kann. Auch die Ziele und die ersten Erfolge des noch neuen regionalen Waldschutzgebiets und Erholungswalds „Schwetzinger Hardt“ wurden vorgestellt. Im Waldschutzgebiet sollen das wichtigste Erholungsgebiet der Region und das einmalige und national bedeutsame Natur- und Kulturerbe der Dünenwälder geschützt und gefördert werden.

Die vergangenen drei Jahre mit heißen und trockenen Sommern habe vielen Wäldern im Land extrem zugesetzt, erklärt der promovierte Biologe Baumann. „Viel früher als erwartet schlägt der Klimawandel in unseren Wäldern zu.“ Waldexperten und Forstwissenschaftler stuften das beginnende Waldsterben der letzten Jahre gravierender ein als das Waldsterben der 1980er Jahre, das durch den sauren Regen verursacht worden war.

Förster Schneble erkennt das Waldsterben auch im hiesigen Forst sehr deutlich. Dies liege daran, dass die Region von Natur aus warm, niederschlagsarm und die sandigen Dünengebiete trocken seien.

„Seit 2018 sterben die prägenden Waldkiefern in manchen Beständen großflächig ab. Das haben wir so nicht erwartet“, sagte Schneble. Dies werde den durch Kiefern geprägten Wald deutlich verändern. Dass die Waldkiefern auf großer Fläche so geschwächt werden, liege weniger an den zurückgehenden Niederschlägen in den Sommermonaten. Kiefern können mit kargen und trockenen Böden gut umgehen. Die Hitzeperioden mit Temperaturen über 30 Grad Celsius schwächen Waldkiefern so sehr, dass diese anfällig für parasitierende Kiefernmisteln und diverse Kiefernschädlinge werden und absterben.

Schneble zeigte zahlreiche tote und sterbende Kiefern im Bannwald „Kartoffelacker“, der seit rund 50 Jahren nicht mehr forstlich bewirtschaftet wird. „Hier sehen wir: Nicht wir Förster, sondern der Klimawandel setzt unseren Wäldern zu.“ Er reagierte damit auf gelegentliche Anmerkungen von Naturschützern.

Rotbuche wird verschwinden

Auf einem nährstoffreichen Standort außerhalb der Sandflächen zeigte Schneble, dass hier Rotbuchen ebenfalls binnen weniger Jahre absterben. Neben der Kiefer werde auch die zweite Hauptbaumart des Hardtwaldes in den nächsten Jahren leiden und flächenhaft verschwinden.

Baumann berichtete, dass nach den Klimamodellen der Forstlichen Lehr- und Versuchsanstalt FVA Freiburg zum Ende des Jahrhunderts selbst bei günstigen Klimaprognosen die Schwetzinger Hardt nicht mehr für Kiefern und Buchen geeignet sei. „Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, dann herrscht bei uns in der Kurpfalz in achtzig Jahren ein Klima wie in Süditalien. Wie Wälder im Mittelmeergebiet aussehen, kennen wir von unseren Urlauben. Darum sind Klimaschutz und klimaangepasste Waldwirtschaft von prioritärer Bedeutung.“

Schneble erläuterte mögliche Strategien, wie ein Wald der Zukunft aufgebaut werden könne – unter der Annahme, dass das Zwei-Grad-Ziel eingehalten wird. „Wir werden weiterhin mit der Naturverjüngung arbeiten und nur ausnahmsweise Bäume säen oder pflanzen. Wir setzen auf heimische Baumarten wie Eichen oder Elsbeere. Aber wenn spontan Kiefern oder Buchen aufwachsen, sind diese willkommen.“

Baumann riet zur Offenheit bei der Diskussion, ob lediglich heimische Baumarten oder auch solche Arten aus wärmebegünstigten Regionen Europas eingebracht werden, die Deutschland von alleine erreichten, wenn der Klimawandel langsamer voranschritte. Nach der Eiszeit seien Baumarten eingewandert, aber im Laufe von Jahrhunderten. „Bei einer Assisted Migration wird Baumarten bei ihrer Arealverschiebung unter die Arme gegriffen.“

Der Aufbau eines klimastabilen, naturnahen Waldes sei personalaufwendig und teuer. Nach vielen Jahren, in denen das Land jährlich rund 25 bis 30 Millionen Euro aus dem Holzerlös und Flächenverkauf beim Finanzministerium abgegeben habe, sei die Zeit wahrscheinlich vorbei. In der nächsten Dekade müsse bei der Erarbeitung und Umsetzung von Klimaschutzstrategien in einen klimastabilen und zukunftsfähigen Wald investiert und auch in den Personalbestand der Förster investiert werden.

„Das Klima ist in der Krise und auch unsere Natur ist in einer Krise“, sagt Baumann. „Das Artensterben und der Verlust vielfältiger Lebensräume haben dramatische Ausmaße angenommen.“ Deshalb sei es ein großer Erfolg, dass mit der Ausweisung der Schwetzinger Hardt als regionales Waldschutzgebiet im Jahr 2013 nach dem Nationalpark Schwarzwald das größte Waldschutzgebiet der letzten Jahre mit 3125 Hektar ausgewiesen wurde.

Im Waldschutzgebiet werden Wälder naturnah bewirtschaftet. Und in den neu geschaffenen Schonwäldern – 1288 Hektar – des Waldschutzgebiets werden lichte, parkartige Dünenwälder mit Sandheideflächen und Sandmagerrasen erhalten und neu geschaffen, wie es sie über Jahrhunderte gab, erklärte Schneble. „Über Jahrhunderte haben Bauern aus den umliegenden Hardtwaldgemeinden Schweine, Ziegen und Rinder im Wald geweidet. Ergebnis war eine parkartige Landschaft, in der einmalige und artenreiche Lebensräume entstanden sind.“

Diese Lebensräume gehören zum wertvollsten europäischen Naturerbe 2000 und sind streng geschützt. „Nur wir in der Kurpfalz können dieses europäische Naturerbe schützen“, sagte Baumann und dankt der Forstverwaltung, dass auf einem kleinen Teil der Dünen diese Lebensräume geschaffen werden. Baumann stellte das Nabu-Naturschutzprojekt „Lebensader Oberrhein“ vor, dessen Antragsskizze er vor rund zehn Jahren als Nabu-Landesvorsitzender erarbeitet und beim Bundesumweltministerium eingereicht hatte.

Rund 2,5 Millionen Euro flossen nach Antragsbewilligung im Rahmen dieses Projekts in die Förderung der Artenvielfalt im nordbadischen Oberrheingraben mit einem Schwerpunkt im Hardtwald und im Hirschackerwald.

Neues Leben auf der Binnendüne

Bei der Besichtigung der Düne „Saupferchbuckel“ bei Walldorf konnte der Erfolg der Naturschutzmaßnahmen bestaunt werden: Auf der trockenen Binnendüne haben sich innerhalb weniger Jahre nach den Naturschutzmaßnahmen des Projekts Lebensader Oberrhein großflächig artenreiche Sandmagerrasen mit Blauschillergras und Silbergras entwickelt. „Im Sommer summen tausende in Baden-Württemberg seltene Wildbienen über den trockenen Sandrasen“, berichtete Revierleiter Freund begeistert. „Naturschutz funktioniert.“

Damit das regionale Waldschutzgebiet gut weitergeführt werden könne, brauche die Forstdirektion Mitarbeiter dafür, sagte Baumann. Für den Nationalpark Schwarzwald seien zurecht rund hundert Stellen eingerichtet worden, für das hiesige Waldschutzgebiet keine einzige. „Die Forstverwaltung braucht Sach- und Personalmittel, um das regionale Waldschutzgebiet dauerhaft fördern zu können. Das ist gut für unsere Heimat und gut für Mensch und Natur. Dafür will und werde ich mich einsetzen.“ zg

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