Hockenheim

Bündnis 90/Die Grünen Dr. Andre Baumann informiert während eines Abendspaziergangs übers Hochwasser- und Ökologieprojekt / Bürgerbeteiligung gelobt

„Wir können stolz auf unser HÖP sein“

Archivartikel

Wohin gehen die Menschen bei Sommerhitze? Natürlich ins Grüne. Dorthin, wo es etwas kühler ist. Wie viele Bürger zog es die Grünen bei der Hitze ins grüne Herz der Rennstadt. Der Stadtverband der Grünen und der Kreisverband Kurpfalz-Hardt hatten zu einem abendlichen Spaziergang zum Hochwasser- und Ökologieprojekt (HÖP) eingeladen, schreibt die Partei in einer Pressemitteilung über die Veranstaltung.

„Die Führung übernimmt Dr. Andre Baumann aus Schwetzingen, der unser HÖP bestens kennt“, sagte der grüne Stadtrat Adolf Härdle bei seiner Begrüßung. Baumann kenne Hockenheim als ehemaliger Nabu-Bezirksvorsitzender; als ehemaliger Staatssekretär des Umweltministeriums habe er das Projekt fachlich begleitet und das Land beim Spatenstich vertreten. Nun sei der Staatssekretär seit Februar Vertreter des Ministerpräsidenten und des Landes Baden-Württemberg in Berlin. „Nun möchten wir, dass du unseren Wahlkreis im Landtag vertrittst“, merkte Härdle an.

„Das HÖP ist ein Leuchtturmprojekt für Baden-Württemberg. Hier wurden mehrere Ziele gleichzeitig erreicht: Hochwasserschutz für Hockenheim, eine Renaturierung des Kraichbachs und eine Aufwertung des Ortszentrums“, sagte Baumann. „Ich möchte am Beispiel des HÖP zeigen, wie ein moderner Umgang mit Gewässern mit einer guten Bürgerbeteiligung funktioniert.“

Schutz vor Überschwemmungen

Die Hauptmotivation für eine Zusammenlegung des Kraichbachs und des Mühlkanals war der Hochwasserschutz. „Die Jahre 1997 und 2002 haben gezeigt: Hockenheim ist gegen extreme Hochwasserereignisse nicht ausreichend geschützt“, erklärte Baumann. Nur knapp sei die Stadt Überschwemmungen entgangen. Diese Beinahe-Katastrophen hätten die Prognosen der Hochwassergefahrenkarten bestätigt, die für ganz Baden-Württemberg erstellt worden seien. Nur gegen ein zehnjähriges Hochwasser sei Hockenheim geschützt gewesen.

„Wir müssen unsere Gewässer auf 100-jährige Hochwasserereignisse vorbereiten, inklusive eines 15-prozentigen Klimazuschlags, da die Wetterextreme leider in den nächsten Jahren zunehmen werden“, erläuterte der Umweltexperte. „Hochwasserschutz muss oberste Priorität haben – nicht erst bei oder kurz nach Katastrophen. Darum ist es gut, dass in Baden-Württemberg rund 105 Millionen Euro jährlich für Hochwasserschutz- und Gewässerökologiemaßnahmen zur Verfügung stehen“, betonte er. Das grüne Umweltministerium habe das Wasserentnahmeentgelt, eine Abgabe auf Wassernutzung, erhöht, das nun vollständig in den Hochwasserschutz und lebendige Bäche fließe.

Dem neuen Kraichbach wurde auf einer Länge von rund 800 Metern mehr Raum und damit mehr Volumen gegeben, um mehr Wasser aufzunehmen und damit Überschwemmungen zu vermeiden. Entlang des Bachs wurden zusätzlich Hochwasserschutzmauern und Dämme zum Schutz der Siedlungen errichtet. Hockenheim sei nun besser vor Hochwasserereignissen geschützt. Die EU habe mit der Wasserrahmen-Richtlinie ein Gesetz für die Schaffung lebendiger Gewässer in Europa geschaffen. „Auch in Baden-Württemberg müssen wir lebendige Gewässer schaffen, die zum Träumen einladen, in denen sauberes Wasser fließt, mal entlang eines Röhrichts, mal sanft über eine Kiesbank. Bäche sollen sich – wo möglich – wieder schlängeln und ihr Bett selbst machen“, erklärt der Umweltexperte. Im Gewässerentwicklungsplan der Gewässerdirektion Karlsruhe sei der Kraichbach in einem ökologisch schlechten Zustand eingestuft worden: Kraichbach und Mühlkanal waren in ein Betonkorsett gezwängt, die Böschungen zu steil. Das Bett war ohne Abwechslung und ohne Gumpen – das sind tiefe Löcher im Gewässerbett, in die sich Fische bei Hitze zurückziehen können.

Dem Abschnitt im Herzen der Stadt kommt eine entscheidende Bedeutung für den Kraichbach zu: „Hier hat der ansonsten sehr langsam fließende Bach das größte Gefälle in seinem Unterlauf. Deshalb gab es in Hockenheim auch früher drei Mühlen. Viele Fischarten sind auf schneller fließendes Wasser und Kiesgrund im Gewässer angewiesen. Wenn man den Kraichbach renaturiert, dann musste man hier anfangen“, erklärte Baumann. Wasserbausteine und Wurzeln wurden fest eingebaut, Vorbild war ein Naturbach. „An manchen Stellen fließt der Kraichbach nun schnell, an manchen langsam. Es gibt Gumpen und Kiesbänke. Das ist wichtig. Manche Fischarten laichen nur auf Kies“, erklärte der Biologe. „Die Natur nimmt den neuen Kraichbach an.“

Steinbeißer fühlen sich hier wohl

Eine Besonderheit sei das große Vorkommen des Steinbeißers. „Der Steinbeißer ist in ganz Europa selten und muss deshalb nach der europäischen FFH-Richtlinie geschützt und gefördert werden.“ Steinbeißer sind kleine Fische, die am Grund von Fließgewässern leben, wo sie sich tagsüber eingraben. Es scheint, als würde er den Boden zerbeißen. Er schluckt Sand und filtert daraus kleine Krebse, Insektenlarven oder Pflanzenteile.

Aus Sicht des Naturschutzes und der Gewässerökologie sei die Renaturierung des Kraichbachs gelungen. Allerdings habe der Bach in den vergangenen zwei Jahren viel zu wenig Wasser geführt. Deshalb müsse der Kampf gegen den Klimawandel fortgesetzt werden. „Wenn es noch deutlich wärmer wird, kann es sonst passieren, dass in ein paar Jahrzehnten im Sommer der Kraichbach trocken fällt oder kein Wasser mehr fließt“. „Das HÖP ist auch eine hervorragende städtebauliche Aufwertung“, lobte Härdle das Projekt, an dem sich die Stadt mit rund vier Millionen Euro beteiligt hat. Die Brücke und der Fahrradsteg sorgten für einen sicheren Zugang zum Messplatz. Die Kraichbachterrasse und weitere Sitzstufen fänden als naturnahe Freiräume Zuspruch. „Die rund 17 Millionen Euro Gesamtkosten des HÖP sind gut investiert.“ Baumann lobte die Stadt und den grünen Stadtrat für ihr Engagement. „Du hast dich in Stuttgart für dein Hockenheim und das HÖP eingesetzt“, sagte Baumann zu Härdle.

Er würdigte abschließend Stadt und Regierungspräsidium für die Beteiligung der Bürger. „Hier wurde die Politik des Gehörtwerdens gelebt, die Ministerpräsident Kretschmann eingeführt hat“, so Baumann. Die 17 Hektar große Baustelle sei über viele Wochen eine Operation am Herzen Hockenheims gewesen. „Rund 1400 Lkw-Ladungen, lärmende Bagger und Umwege für die Bevölkerung mussten erklärt werden“, so Baumann, der sich selbst am Baustellentag des Regierungspräsidiums von der guten Bürgerbeteiligung überzeugt hatte. „Die Operation ist geglückt: Wir können stolz auf unser HÖP sein. Möge es ein Vorbild für viele Gewässerprojekte sein.“ zg

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