Hockenheim

Stadthalle Comedy-Trio „Eure Mütter“ bleibt sich im neuen Programm „Das fette Stück fliegt wie ’ne Eins“ in seinen Qualitäten treu / Erwachsenwerden schimmert durch

Wortspielereien, lustige Lieder, derbe Sprüche

Wir sind alle in die Jahre gekommen – das sage ich mal als Jahrgangskollege ganz persönlich und ohne den üblichen journalistischen Abstand: Mit 43 sind wir einfach nicht mehr wie damals, als wir an der Bushaltestelle in irgendeinem Kaff darunter gelitten haben, dass „nie etwas los war“ und wir vom „Praline“-Heft bis zum Kindesentführer jede Abwechslung dankbar angenommen hätten. Auch wenn sie ansonsten fraglos zu den Ausnahmeerscheinungen zählen: Davor sind auch Andi Kraus, Don Svezia und Matze Weinmann aus dem Raum Stuttgart nicht gefeit.

Seit fast 20 Jahren ziehen sie als „Eure Mütter“ durch die Lande und haben mit ihrer irrwitzig eigenständigen Mischung aus Comedy, Slapstick und genitalienorientierten Zoten eine beachtliche und wackere Fangemeinde hinter sich versammelt.

Am Mittwochabend waren sie – als Ersatz für den krankheitsbedingt ausgefallenen Auftritt im Oktober – in der Stadthalle, die sie wie immer lange im Vorfeld spielend ausverkauft hatten, mit ihrem aktuellen Programm „Das fette Stück fliegt wie ’ne Eins“ zu Gast. Wie immer hatte der Titel nicht im Entferntesten etwas mit der Show zu tun, die wie gehabt eine Orgie wilder Wortspielereien, lustiger Lieder und derber Sprüche vereint.

20 Minuten bis zur ersten Zote

Und doch: Selbst die drei „Mütter“, die der Legende nach bereits die Schulbank miteinander drückten, sind ruhiger geworden. Rund 20 Minuten musste das Publikum sich ruhigstellen lassen mit einem gesungenen Applaus für die Pioniere des Schnürsenkelbindens und Sockenausziehens im Bett, mit einem topfschlagzeug-begleiteten Kindheitstraum vom „Fernsehkoch“, einer Spielnummer über den Paketzusteller, der erstmal selbst das bestellte Kissen probeliegt, und mit dem Flattern einer „Computerfee“, bevor die erste Zote, die einer „Mutter“ würdig war, das Volk zum Quietschen brachte.

Mit einer regional-aufklärerisch-feuerpolizeilichen Hymne an die „Bifi“-Zentrale in Ansbach und der süffisant-genussvollen Ausschlachtung der olfaktorischen Verbindung zwischen Minisalami und ungewaschenem Genitalbereich konnte das Trio endlich dort landen, wo es hingehört: in der Kloake des unzitierbaren Vokabulars aus der Region zwischen den Beinen, wo die „Mütter“ als Provokateure der vertonten Frage „Soll ich mir den Sack rasieren“ dereinst ihren Kult begründeten.

Eben dort, wo sich so herrlich suhlen lässt in den wortreich ausgestalteten Themen „Käsefüße“, „Ich denke, es wär geiler, wenn wir alle Schwule wären“ und „Möpsefassen“. Trotz dieser Ausflüge in die Anfangszeiten, als die drei manchen Herzschrittmacher in den roten Bereich laufenließen, kann man konstatieren: Sie sind älter geworden, trotz all der schrillen Gebärden leiser.

Ausflug in die Nachdenklichkeit

Und an zwei Stellen sogar nachdenklich: Den Totengesang für einen Freund können sie zwar noch nicht „konventionell“ intonieren und den Wunsch zwischen „Freiheit für Snowden“ und „Frieden für die Welt“ mussten sie doch noch mit einem „am meisten wünsch ich mir, dass dir ein Klavier auf die Birne fällt“ pointieren – trotzdem schimmerte bei den drei Kindsköpfen doch so etwas wie Erwachsenwerden durch. Weshalb die „normalen“ Nummern zugenommen haben – manchmal noch etwas bemüht, manchmal aber ebenso brüllkomisch wie die Vorhaut-Gags unter der Gürtellinie.

Wenn sich drei Astronauten über den ersten Schritt auf den Mond streiten oder ein Vater dem Kind auf die harte Tour beibringt, dass es keinen Kindergeburtstag gibt.

Das Publikum hat noch Probleme damit, dieser Veränderung zu folgen – deshalb war das lauteste Toben bei der traditionellen Synchronhaarewaschen-Nummer aus den Zugaben zu hören.

Für alle Sexgeschwätz-Nostalgiker stellen die „Mütter“ derzeit ein Best-of-Programm der Ära 1999 bis 2010 zusammen: „Ich find’ ja die Alten geil“ – und diesmal scheint der Titel sogar Programm zu sein.

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