Ketsch

30 Grad Weihnacht

Archivartikel

Weihnachten muss unmittelbar vor der Tür stehen. Das ist mir am Badestrand des Hohwiesensees klar geworden. Bei Temperaturen um die 30 Grad lagen die Handtücher näher als sonst. Und beim (wirklich) unbeabsichtigten Lauschangriff waren dann nicht ganz unproblematische Planspiele zum Fest der Feste von den Nachbarn zu vernehmen.

„Ich muss lernen“, sagte der – es ist eine Vermutung – Schwiegersohn der Familie. „Ja, aber dann ist doch nicht Weihnachten, wenn du nicht dabei bist“, sagte die – als solche vermeintlich erkannte – Schwiegermama. „Weihnachten ist auf jeden Fall“, sagte ihr Mann. Er saß genüsslich auf einem Campingstuhl. Nein, Entschuldigung, er thronte. Und er feuerte die ganze Weisheit seines Alters heraus: Ob seine ihm Anvertraute nun wolle, dass die andere Hälfte der Tochter mit dabei ist oder nicht, der Termin für Weihnachten stehe.

„Ja, du kannst aber doch auch vorher genug lernen. Das muss doch nicht an Weihnachten unbedingt sein“, meinte die Tochter mit, sagen wir, ein wenig gereiztem Unterton. Mit einem eindeutigen, langgezogenen „Mmmhhhhh“ reagierte der als Lebensabschnittsgefährte ausgemachte und schaute zur Sicherheit an seiner Freundin vorbei auf den See. „Die Berufsausbildung ist wichtiger“, betonte das Oberhaupt auf seinem Thron da auch schon und korrigierte seine Sitzposition zum Nachdruck nochmals. Das vereinende Wesen einer Frau kam schließlich auch noch zum Vorschein: Wenn er lernen müsse, könne er doch das Nebenzimmer nutzen, dann werde er auch gar nicht gestört – die Intention war klar: Hauptsache die Familie, Hauptsache alle sind zusammen, hoffte die Schwiegermutter.

Ohne zu wissen, wie die Handtuch-Nachbarn letztlich Weihnachten feiern werden, ging ich schon mal ein paar der möglichen Geschenke durch. Beim Schwimmen im See lässt sich eine kleine Liste ganz vernünftig abarbeiten. Auf dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg überwog das Sinnieren über den Zeitfaktor – hoffentlich werden die Präsente dieses Mal zeitig besorgt. Weihnachten befand sich nun wie ein Song, den man im Radio hörte und ständig ungewollt vor sich hin trällert, im Kopf. Vielleicht kann man mit Weihnachten nicht früh genug beginnen. Sonst kommt man womöglich noch ohne 30 Grad im Schatten heftigst ins Schwitzen.

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