Ketsch

Haus der Begegnung Matthias Stieber referiert beim Altennachmittag über die Zeitwende vom 18. zum 19. Jahrhundert / Kurfürst Carl Theodor führt Schulpflicht ein und gründet Akademien

Als Mannheim zur Hauptstadt der Kurpfalz avancierte

Archivartikel

KETSCH.Über historische Zusammenhänge während der Zeitwende vom 18. zum 19. Jahrhunderts in der Region informierte beim Altennachmittag im Haus der Begegnung der Stadtführer mit Ketscher Wurzeln Matthias Stieber. Zuvor half der 13-jährige Gymnasiast Noel Maier bei der Kaffeetafel. „Ich werde im nächsten Jahr konfirmiert, und ich wollte gerne erleben, wie ein Altennachmittag abläuft. Meine Oma ist hier Stammgast.“

Matthias Stieber startete mit der zerstörten Kurpfalz. Der Speyerer Dom sei als Pferdestall entfremdet worden. Karl III. Philipp ließ als strenger Katholik in einem evangelischen Land durch die Kirchen Mauern ziehen, was teilweise noch heute zu sehen sei. Er habe im neu aufzubauenden Heidelberger Schloss residieren wollen, die Bauzeit hätte jedoch 40 Jahre gedauert. Es folgte der Umzug nach Mannheim, der neuen Hauptstadt der Kurpfalz. Kurfürst Carl Theodor übernahm 1742 die Regentschaft.

Das Schwetzinger Schloss wurde Sommerresidenz, und Mannheim ernannte er zur Winterhauptstadt. Dort bahnte sich 1751 eine neue Musikrichtung an, die wir heute „Klassik“ nennen, berichtete Stieber.

Lotteriehotel mit „5 aus 90“

John Campbell erfand 1757 den Sextanten zur Vermessung der Welt, und James Watt baute die erste Dampfmaschine. Carl Theodor habe viele Pläne gehabt, doch zur Verwirklichung mangelte es an Geld. Zu dem Zweck habe er 1764 in Mannheim ein Lotteriehotel mit Genueser Lotto „5 aus 90“ unterhalten. Ob das genügend Geld in die Schatulle gespült habe, sei nicht überliefert. Ein tragisches Ereignis habe ihn motiviert, ein Entbindungsheim mit angeschlossener Hebammenschule einzurichten. „Wir werden den Wohlstand fördern, Arbeitsplätze durch neue Industrien schaffen. Bauern sollen ihre Felder optimal bewirtschaften, damit niemand hungern muss“, habe Carl Theodor verkündet.

Er habe die Schulpflicht eingeführt, Akademien zur Erforschung von Natur gegründet. Stieber nannte als Beispiele die Kurpfälzische Akademie der Wissenschaften in Mannheim, die kurfürstlich Deutsche Gesellschaft und die Meteorologische Gesellschaft mit 39 Messstationen auf vier Kontinenten. Folter und Todesstrafe seien abgeschafft, die Versorgung von Armen, Alten und Kranken gesichert worden.

Bei der Aufteilung der Kurpfalz in der Napoleonischen Zeit seien zwischen 1798 und 1814 Heidelberg, Mannheim, Schwetzingen und Weinheim zu Baden gekommen. Im 19. Jahrhundert hätten sich in Mannheim bedeutende Industrien angesiedelt, die Quadratestadt habe lange als Bankenstadt gegolten. Carl Benz sei vom hiesigen Polytechnikum gekommen, Familie Engelhorn habe die Färber und Bleicher mit Chemikalien versorgt. Auf der anderen Rheinseite habe Ludwigshafen die BASF mit Zugeständnissen zum Umzug bewegt.

Um die erste Eisenbahnstrecke in Südwestdeutschland hätten 1840 Mannheim und Heidelberg wegen der Weiterführung nach Frankfurt- Darmstadt oder Karlsruhe gestritten. Also sei der Zug nach Friedrichsfeld gefahren, vordere Wagen Richtung Heidelberg, die hinteren nach Mannheim. Daher stehe bis heute die launige Forderung „Monnem vonne“ als Begriff. gp

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