Ketsch

Bürger sind auch -Innen

Archivartikel

Liebe Leser, der Rat für deutsche Rechtschreibung trifft sich heute im schönen Wien und befasst sich mit der „geschlechtergerechten Schreibung“ – wie unschön. Denn erstmals ist über ein sprachpolitisches und nicht über ein orthografisches Thema zu diskutieren. Wenngleich die 41 Damen und Herren wohl nur Empfehlungen geben werden, ist die Frage: Was ist denn empfehlenswert?

Wenn der Bürgermeister „liebe Bürgerinnen und Bürger“ anspricht, ist das eigentlich ja schon zu viel. In „liebe Bürger“ stecken die „lieben Bürgerinnen“ schon drin – bei „Bürger“ sieht man doch die vielen glücklichen Familien vor sich. Und darunter sowie daneben sind die Damen von Geburt sogar in der Überzahl.

In der Genderdebatte befinden sich allerdings nicht wenige, die eine Art „Frauenquote“ in der Sprache und Schreibung fordern. Schließlich sind Bäcker, Forscher oder Professor zuweilen weiblich, nämlich Bäckerin, Forscherin oder Professorin. Wir gehen zum Friseur, obwohl dort vornehmlich Friseurinnen waschen und legen. Mit dem allgemeinen Maskulinum, mit dem bei Bäcker, Forscher oder Bürger die Weiblichkeit mitgemeint ist, sei die Sache nicht hinreichend beschrieben, vielmehr manifestiere sich darin eine pro-männliche Machtstruktur, weshalb Gleichberechtigung gefordert wird.

Die sprachliche Unschönheit, die daraus resultiert, interessiert manch feministischen Drängler (äh Dränglerin) nicht. Doch es sollte einem vor einem Abspann in der Werbung wie diesem grausen: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker.“ Auch Gedichte lassen sich mit bislang vorgeschlagener gendergerechten Schreibung schwer formulieren. Ob mit Versionen wie „Liebe KundInnen“ wahre Gleichberechtigung hergestellt ist, muss überdies bezweifelt werden. Sprechen (oder schreiben) ist noch kein Tun. Sich ideologisch verbohrt an der Sprache zu versuchen, wird der Geschlechtergerechtigkeit nicht gerecht.

Schriftsteller und Journalisten gelten übrigens in Sachen geschlechtergerechtes Schreiben als besonders konservativ. Mag sein. Jedenfalls: Wenn „liebe Bürgerinnen und Bürger“ normiert in der Zeitung stehen müsste, erscheint mir ein Auswandern als angebracht: Nach Frankreich vielleicht: Dort scheint le soleil – wortwörtlich übersetzt: der Sonne.

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