Ketsch

66. Backfischfest Katholische und evangelische Kirche eröffnen den Tag

Den Glauben zu den Menschen hinaustragen

ketsch.Vieles hat man sich auf dem Backfischfest in diesem Jahr getraut: Neben den klassischen Abenden mit "Me and the Heat" und "Paddy Goes To Holyhead" wurde erstmals eine Travestie-Show pinker Willenlosigkeit platziert, die fast so frenetisch gefeiert wurde, als hätte man sie in der Enderle-Gemeinde noch nie missen müssen. Auf den ersten Blick mögen sich solche Entwicklungen ja so gar nicht mit einem Gottesdienst vertragen, den die Organisatoren, des Angelsportvereins im vergangenen Jahr erstmals an den Anfang des Finaltages gestellt haben. Doch im Festzelt am Bruch sind solche Kombinationen Realität.

Der dritte "Radspitz"-Abend hat mit all seiner Ausgelassenheit erst ein paar wenige Stunden zuvor sein Ende gefunden, die letzten Reste von Lametta und Bierseligkeit sind noch nicht ganz aus dem Zelt draußen, da hat schon ein Altar auf der Bühne Platz gefunden. Für jeden offen, ganz unprätentiös, nah am Volk. Die Ränge sind nicht komplett gefüllt, ehe die Senioren zum Frühschoppen ihren Fisch genießen. Doch darum geht es auch gar nicht. Wenn man so will, vollzieht sich in Jahr zwei genau die Entwicklung, die Pfarrgemeinderat Heiko Wunderling bei der Premiere in 2016 anstoßen wollte. Man müsse "raus zu den Menschen", statt in den heiligen Hallen der Gemeindekirchen auf sie zu warten.

Dieser Zuspruch ist sein Zeugnis, das sich auf imponierende Art und Weise sehen lässt. Denn noch bevor die Pfarrer Christian Noeske und Erwin Bertsch in aller Frühe mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages jene begrüßen werden, die auf einem traditionellen Hort der Ausgelassenheit den Glauben zelebrieren wollen, wird klar: Das Christentum und überhaupt jeder religiöse Glaube kann und darf auf Ornamente verzichten, sich auf das Wesentliche beschränken. Er darf klein sein und direkt. Vor allem: Er kann es, ohne dabei Reibungsverluste zu erleiden. Sicherlich: Glaube muss immer persönlich bleiben und in seiner Erfahrung unmittelbar - doch darum wird man sich auch in diesem Jahr erneut keine Sorgen machen müssen. Dieser Gottesdienst ist eine Messe, die mehr als Heilsbringer ist, um auf die anschließende Speisung mit jenem Nahrungsmittel überzuleiten, das dem Gläubigen nicht näher sein könnte, als der Bibel: der Fisch.

Willkommenheit steckt an

Möglicherweise holt man mit solchen Formaten niemand Neuen in die Kirche. Doch klar ist: Wer hier nichts wagt, wird mit Sicherheit nichts gewinnen. Der entgegen lautende Vorwurf ist bekannt: Es kommen doch ohnehin nur die üblichen Verdächtigen zu solchen Anlässen. Die Wahrheit dieses Morgens ist: mit Sicherheit nicht. Denn ja - der Gottesdienst auf dem Backfischfest ist ein Fest des Glaubens. Aber vielmehr ist er im Jahr 2017 eine Geste. Eine ausgestreckte Hand, die zeigt: Du kannst mich greifen. Überkonfessionell. Ohne Ansprüche.

Vielleicht ist das die einende Geste, die auf einem Großereignis, das sich mit natürlichem Bewusstsein noch den Titel Volksfest gibt, zeigt, dass auch das Volk gemeint ist. Diese Willkommenheit steckt an. Sie transportiert sich über diesen Gottesdienst hinweg wie ein Trank, aus dem alle kosten dürfen. Eine geistige Eucharistie, für die niemand am Kelch nippen muss, weil sie in der Gemeinschaft einfach fühlbar wird. Unausgesprochen geschieht so vielleicht das Schönste, was Glaube auslösen kann - man fühlt sich urplötzlich aufgehoben. In den Texten und Liedern, die diesen frühen Morgen prägen. In der Magie, die daraus entsteht. Als wir den ASV-Vorsitzenden Günter Perner nach seiner Meinung zum Gottesdienst befragen, wird er sagen, die zweite Auflage dieser Idee sei "schwer in Ordnung" gewesen. Eine charmantere Untertreibung hätte man für diesen wunderbaren Akt der Gemeinschaft wohl kaum finden können.

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