Ketsch

Breuners Buchtipp „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné / Auf der Bestsellerliste

Der Opferrolle für eine Zukunft entwachsen

Archivartikel

Ketsch.Wer sich eingehender einem Buch widmen möchte, bekommt in loser Folge Tipps von Barbara Breuner. Die Leiterin der Gemeindebücherei widmet sich heute dem Buch „Das wirkliche Leben“ von Adeline Dieudonné aus dem dtv Verlag:

„Das zehnjährige Mädchen wohnt mit ihrem kleinen Bruder Gilles und den Eltern in einer Reihenhaussiedlung am Waldrand. Es könnte alles normal sein, wenn der Vater neben seinen Leidenschaften fürs Fernsehen und Whisky nicht auch noch die Jagd lieben würde. Daher ist das vierte Zimmer im Haus das Zimmer der Kadaver. Dort sammelt der Vater seine ausgestopften Tiere, die er selbst erlegt hat: Wildschweine, Antilopenschädel, Wasserböcke, Gnus, ein paar Zebraköpfe und schließlich die Hyäne – ausgestopft zwar, aber das Mädchen ist überzeugt, dass sie lebt und den Schrecken aller, die sie anzuschauen wagen, still genießt.

Das Lachen verstummt

Nur das Lachen ihres Bruders kann das Mädchen erfreuen, bis eines Abends vor den Augen der beiden ein tragisches Unglück geschieht. Danach ist nichts mehr wie zuvor, Gilles lacht nicht mehr und das Mädchen kommt nicht mehr an ihn heran. Von den Eltern ist keinerlei Hilfe zu erwarten, denn der Vater sinnt auf Rache, wo er nur kann. In seinen schlechten Phasen muss die schwache Mutter daran glauben, er prügelt auf sie ein.

Das Mädchen setzt alles daran, ihren Bruder vor dem väterlichen Einfluss zu retten. Der Vater bringt seinem Sohn das Schießen bei und nimmt ihn mit auf die Jagd, bei dem kleinen Gilles wächst anfangs der Stolz. Aber das Mädchen ist eine mutige Kämpferin, lässt sich nicht unterkriegen. Selbst als der Vater sie bei einer Treibjagd zur Beute erklärt, spürt sie ihre Kraft und ihre geheime Macht wachsen. Sie wird selbstbewusster, immer deutlicher spürt sie, dass sie die Zukunft in sich trägt und diese beeinflussen kann. Auch ihr Körper verändert sich, mit der wachsenden weiblichen Reife erwacht in ihr das Begehren, und so gerät sie immer mehr ins Visier des Vaters.

Das Unglück am Ende wird zum Glück für die Familie, durch ihre innere Stärke hat sich das Mädchen aus der Opferrolle befreit und eine Zukunft geschaffen. Der im Original 2018 erschienene Roman wurde zu Recht bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.

Adeline Dieudonné gelingt es, in ihrer eindringlichen Sprache von der ersten Seite an zu begeistern. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht des Mädchens. Auch wenn die Hintergründe düster sind, strahlt der kompromisslose Schreibstil immer Hoffnung aus – man fiebert von Seite zu Seite mit,

Zunächst deutete alles auf einen sexuellen Missbrauch in der Familie hin. Umso angenehmer überrascht war ich, als der Roman mit einer Wucht das Mädchen über sich selbst hinauswachsen ließ. Der Verlag wirbt auf dem Cover des Leseexemplars mit dem Slogan „Liebling der französischen Buchhändlerinnen“ – ich habe selten ein Debüt gelesen, das mich mehr in seinen Bann gezogen hätte. Der Titel steht seit Wochen auf den vorderen Plätzen der Spiegel-Bestsellerliste und kann in der Gemeindebücherei ausgeliehen werden. zg/mab

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