Ketsch

Die Würde der Senioren

Archivartikel

Benjamin Jungbluth über die seelischen Folgen der Isolation wegen Corona

Die Corona-Krise trifft viele Gruppen der Gesellschaft hart: Kinder konnten monatelang nicht in die Schule, ihre Eltern reiben sich zwischen Job und Betreuung auf. Junge Erwachsene finden keine Ausbildungsstellen, werden später aber die enorme Schuldenlast der aktuellen Gegenmaßnahmen bezahlen müssen. Und Berufstätige müssen mit teils enormen Geschäftseinbrüchen zurechtkommen, sehen gar ihre Existenz gefährdet. Doch in ihrer Gesundheit besonders bedroht sind vor allem die älteren Senioren – sowohl durch das Virus selbst als auch durch die Gegenmaßnahmen.

Natürlich ist die öffentliche Reaktion auf Corona verständlich: Gerade Risikogruppen müssen geschützt und deshalb isoliert werden – denn nur die Isolation kann die Übertragung dieses Krankheitserregers effektiv verhindern. Und schon zu Beginn der Pandemie war klar, dass fast ausschließlich Ältere und Vorerkrankte zur Risikogruppe für einen schweren Verlauf gehören. Doch abgesehen von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Eindämmung, die direkt und indirekt andere Menschenleben fordert, ist dabei vielleicht ein wichtiger Aspekt übersehen worden: Die Isolation mag die Hochaltrigen vor dem Virus schützen, doch sie schafft für sie gleichzeitig neue Probleme.

Vereinsamung ist für einen 90-Jährigen nicht nur eine seelische Belastung – sie kann massive körperliche Folgen haben. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheit eines Menschen. Wer bereits sehr alt und vorerkrankt ist, kann an Vereinsamung sterben. Es ist also absolut notwendig, die psychische Lage der Älteren im Blick zu behalten und durch vernünftige Lockerungen weiter dazu beizutragen, dass eine gewisse Normalität einkehrt. Und die Würde der Älteren gebietet es, sie auch selbst über ihr Risiko bestimmen zu lassen. „Lieber sterbe ich an Corona, als dass meine Familie nicht mehr vorbeikommen darf.“ Dieser Satz mag für manche unerträglich sein – aber er ist Realität.

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