Ketsch

Ferdinand-Schmid-Haus Musiktheater Worm gefällt mit Schubertiade „So lang der Rhein noch fließt“

Eine Brücke aus der Romantik

Ketsch.Mit „So lang der Rhein noch fließt“ ist der Musiktheatermacherin Tatjana Worm etwas Besonderes gelungen: Sie hat den Esprit der geistreichen Unterhaltung aus den Salons der frühen Romantik in unsere Zeit übertragen – eben eine moderne Schubertiade geschaffen.

Im Ferdinand-Schmid-Haus gabe es neben der Instrumentalmusik von Schubert Gesang, Tanz, Lichteffekte und Multimediaprojektionen und – als neues Element – auch Märchen, Sagen und Schauspiel. Der Inhalt war tiefsinnig, berührte der doch heidnische Mythen, Gedichte und die romantische Musik Schuberts ebenso wie Aspekte der aktuellen Umweltproblematik.

Zunächst erscheint Lisa Bruckner, die eine Regisseurin spielt und versucht, zusammen mit ihrer Assistentin, dargestellt von Tatjana Worm, eine Schubertiade zu veranstalten. Mit witzigen Ideen wollen die beiden eine harmonische Atmosphäre ganz im Sinne des Komponisten Franz Schubert schaffen – in einem Salon des 19. Jahrhunderts in Gesellschaft feiner Damen und der Freunde um Schubert. Doch immer wieder stört eine Vogelscheuche (gespielt von Elena Textor) den Ablauf.

Franz Schober, der Dichterfreund, gespielt von Lander Rupprecht, ist der Gastgeber. Petra Schubert-Ludwig, Sängerin aus Mannheim, war für die Rolle der Schubertgeliebten Therese Grob vorgesehen, doch die Regisseurin entscheidet spontan, dass sie aufgrund ihres Namens, der an Franz Schubert und Ludwig van Beethoven gemahnt, sich selbst spielen soll.

Ein weiterer Freund von Schubert war der Sänger Johann Vogel, den die Assistentin im Publikum sucht und in Nikolaus Eberhardt findet. Schubert selbst wird von Phillip Schmal gespielt, der den Komponisten bestens verkörpert. Michael Rittmann kommt eine doppelte Rolle zu. Zusammen mit Charlotte Steinberg am Klavier spielt er einmal als Kapellmeister Lachner eine für Querflöte bearbeitete Violin-Sonatine von Schubert; zudem wird er als Schriftsteller Eduard von Bauernfeld gebeten, Geschichten zu erzählen.

Erster Bruch der Harmonie

In die harmonische Welt der Schubertiade tritt als Gespenst die „Doorwetsjuffer von Hambach“, gespielt von Margarita Hoffmann. Sie sorgt für einen ersten Bruch der Harmonie. Musikalischer Höhepunkt ist Schuberts Arpeggione-Sonate, toll gespielt von Grigor Arakelian aus Armenian auf der Viola und begleitet von Alexander Levental am Klavier. Mit dem Lied „Der Tod und das Mädchen“, gesungen von Petra Schubert-Ludwig und Nikolaus Eberhardt, ist die Wendung perfekt.

Der zweite Teil beginnt mit Geistern, die vor dem Bild des Ketscher Kirchturms auf einer quer durch den Zuschauerraum gespannten Leinwand erscheinen. Die Geister finden keine Ruhe – ihre Gräber wurden wegen des Braunkohletagebaus aufgemacht. Der Blick geht über den weiten Tagebau bei Hambach am Niederrhein. Der Tagebau soll mit Rheinwasser geflutet werden und bedroht so den uralten Strom – daher der Titel des Stücks.

Bezug zum aktuellen „Entenpfuhl“

Der verzweifelten Regisseurin gelingt es nicht mehr, zur Schubertiade zurückzukehren. Vielmehr wird dem Zuschauer der Verlust des Hambacher Forsts mit riesigen Bildprojektionen vor Augen geführt. Zu den weggebaggerten Dörfern gehört der Ketscher Entenpfuhl – den aktuellen Bezug lässt sich Tatjana Worm nicht entgehen.

Am Ende bricht alles zusammen. Der Salon verschwindet, die Kinoleinwand fällt. Der undekorierte Saal, die Wahrheit erscheinen: Leere und Tod. Worm entlässt das Publikum nicht in dieser Stimmung. Eine „Frau aus dem Publikum“, gespielt von Cigdem Seitz, protestiert. Sie drängt die Schauspieler und Musiker auf der Bühne weiterzumachen.

Mit einem Instrument lässt sie symbolisch das Rauschen des Rheins erklingen und das Leben um sie herum erwacht wieder. Zu „Sel aura“ von Girolamo Frescobaldi, gesungen von Petra Schubert-Ludwig, wird es wieder hell. Die Kunst verbindet die alten und neuen Geschichten, die Tragik des Lebens und die Hoffnung auf eine bessere Welt. Tatjana Worm hat ein Theater der Musik erschaffen, das die Zuschauer bewegte. ne/zg

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