Ketsch

Jiddische Muisk Wolfgang Glatzel hat sich dem Klezmer verschrieben, ist Mitglied der Band „Tacheles“ / Konzertreihe in der Kurpfalz / Garten als Refugium

Eine traurig-lebensfrohe Klangwelt

Ketsch.„Akkordeon spiele ich schon seit meinem 12. Lebensjahr“, erzählt Wolfgang Glatzel, der beim Ketscher Komponisten und Produzenten Willi Sommer sein Instrument spielen lernte. Etliche dieser interessanten Instrumente besitzt der 53-Jährige, zwei jedoch sind bei den Konzerten bevorzugt im Einsatz. Warum er Klezmer-Musik spielt, weshalb man das Akkordeon besser im Sitzen spielt und weshalb sein Garten sein Refugium ist, erzählt er bei einem Besuch im gemütlichen Proberaum bei seinem Wohnhaus.

Kaffee-Liebhaber Glatzel nippt am Espresso und erinnert sich: „Ich wusste bis vor drei Jahren Robert Plasberg anrief nicht, was Klezmer ist, geschweige denn, wie man das richtig ausspricht.“ Plasberg spielt Geige und war im Internet unterwegs, um Instrumentalisten für sein „Tacheles“-Ensemble zu finden. Dabei entdeckte er ein Bild des Ur-Ketschers mit einem seiner Akkordeons. „Er fragte, ob ich Lust hätte, Klezmer zu spielen“, so Glatzel, dass damit alles begann. Im Internet, auf Musikplattformen, habe er sich Klezmermusik angehört, gleich Gefallen daran gefunden an der traditionellen von den Generationen an die nächsten weitergegebenen nichtliturgischen Melodien.

Seither treffen sich die Musiker des „Tacheles“-Ensembles regelmäßig zur Probe mit zeitweise sieben Leuten. „Das passt auch hier im Probenraum, weil einige doch besser sitzen mit ihren Instrumenten - beim Kontrabass, der Violine und der Klarinette ist spielen im Stehen besser.“ So ergebe sich die Anordnung, in der das gemeinsame Spielen geübt werde: „Die Stücke studiert jeder Einzelne mit seinem Instrument für sich allein. Treffen wir uns, dann führen wir die einzelnen Stimmen zusammen“, erklärt der freiberufliche IT-Berater.

Was dabei an Klangerlebnis herauskommt, ist dank der digitalen Vernetzung auch weit entfernt, etwa im hohen Norden, zu erleben, erzählt der Musiker, dass er selbst es liebe, vor Publikum zu spielen – auch als Solist. „Im online Musiker-Board, dem größten Forum für Musiker in Europa, gibt es unter anderem ein Akkordeon-Forum“, beschreibt der Vater eines erwachsenen Sohnes, wie es zu Engagements kommen kann.

Die Musik, das Akkordeonspiel auch im Hockenheimer Akkordeon-Orchester, sind nur zwei der Leidenschaften des Ketschers: „Der Garten ist mein Raum für Entspannung“, sagt er und ergänzt, dass sich das nicht allein aufs Hinsetzen und Genießen bezieht, sondern auch auf die Arbeit, die ein Areal dieser Größe mit sich bringt. Zwischen beeindruckendem Bambus und Hanfpalmen, die direkt im Boden stehen, lugt ein Teich hervor, dazwischen sorgt uralter Baumbestand für ein „Waldgefühl“ und große Bananenpflanzen wirken fast tropisch.

Wenige Schritte entfernt stehen in einem Kiesbett große Sukkulenten, an die Hauswand schmiegt sich ein Feigenbaum. „Im Moment bin ich unterwegs alles reinzuräumen, was nicht draußen bleiben kann, wenn es noch kälter wird“, so Glatzel, dass die Bougainvileen, die seine Favoriten sind, schon hinter Glas in die Ruhephase starten. Unschwer kann man sich vorstellen, dass der Garten - fast schon Park - obgleich auch im Herbst seinen Reiz hat, aber im Frühjahr ein Blütenmeer und Ort für viele Schmetterlinge, Bienen, Vögel sein muss.

Zurück zum Klezmer: „Mit dem Konzert ‚Der Klang der verschwundenen Welt‘ sind wir in den kommenden Tagen unterwegs“, zählt Glatzel die Melanchtonkirche Ludwigshafen (Freitag, 9. November, 20 Uhr), die evangelische Kirche in Waibstadt/Kraichgau (Samstag, 10., 18 Uhr), die Markuskirche in Mannheim-Almenhof (Sonntag, 11., 17 Uhr) und die Markuskirche in Ludwigshafen-Oggersheim (Sonntag, 18., 19 Uhr) als Konzertorte auf, an denen man die Klezmermusik aus der Kurpfalz erleben kann.

Beitrag gegen das Vergessen

„Verschwundene Welt“ deshalb, weil mit Holocaust mit den Menschen auch deren Musik verschwunden ist, hier findet sich auch der Bezug zum ersten Konzert am Freitag, 9. November, dem Tag der Pogromnacht. Das Gedenken an die Novemberpogrome jährt sich 2018 zum 80. Mal, die Band leistet mit ihren Konzerten einen Beitrag gegen das Vergessen, mit der traurigen, lebensfrohen Klangwelt. Gotteshäuser als Konzertraum oder mit der Klezmermusik als Gottesdienstgestaltungselement sind seit jeher Orte des alten Klezmer, obgleich diese Musik auch häufig „Gelegenheitsmusik“ für Hochzeiten und andere Feste war. Glatzel liebt den Klezmer und freut sich unter anderem auf das Konzert im Rahmen der Bundesgartenschau 2019 in Heilbronn: „Es ist jedes Mal eine Freude zur Probe zu gehen, es war noch nicht ein Muss“, fasst er seine Begeisterung in Worte.

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