Ketsch

Breuners Buchtipp „Tage des Zorns“ heißt der neue Kriminalroman des französischen Autors Michel Bussi / Jede Mange Spannung

Erschreckende Geschichten von Geflüchteten

Archivartikel

Ketsch.Barbara Breuner (kleines Bild) ist die Leiterin der Gemeindebücherei. Einmal im Monat präsentiert sie für die SZ-Leser ein Buch, das sie empfehlen kann – heute ist es „Tage des Zorns“ von Michel Bussi.

Wenn Michel Bussi in Frankreich einen neuen Kriminalroman veröffentlicht, sind ihm hohe Platzierungen auf der Bestsellerliste immer so gut wie sicher. Kritiker und Leser mögen Bussi, weil er nicht nur fesselnd schreibt, sondern mit Vorliebe durchaus logisch erscheinende, aber völlig falsche Fährten auslegt. Der Autor gehört zu den meistgelesenen Krimischriftstellern Frankreichs und veröffentlichte bisher 15 Bücher. In seinem Hauptberuf ist er Professor für Geografie an der Universität von Rouen und der französischen Öffentlichkeit auch als scharfzüngiger Politanalyst gut bekannt.

Auch in Deutschland hat sich Michel Bussi längst als Spannungsautor etabliert. Sein neuestes Buch ist ein atmosphärisch dichter und raffiniert konstruierter Thriller aus Marseille, in dem er das höchst brisante Flüchtlingsthema in den Mittelpunkt rückt.

Als François Valioni, der Chef einer Flüchtlingsorganisation, in Marseille tot aufgefunden wird, sprechen alle Zeichen dafür, dass es sich um eine weibliche Täterin handelt. Schnell erhärtet sich der Verdacht gegen Bamby, denn ihre Vergangenheit birgt zahlreiche Geheimnisse. Ihre Mutter Leyli floh vor Jahrzehnten aus Nordafrika nach Marseille. Leyli war in Nordafrika erblindet und der Freund, der ihr damals Hilfe versprochen hatte, zwang sie zur Prostitution. Doch Leyli kam der Intrige auf die Spur und floh als Schwangere nach Marseille.

Erdrückende Beweise

Bald geschieht ein weiterer Mord, der diesmal von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wird. Die Beweise sind erdrückend, denn die Kamera liefert scheinbare Beweise für Bamby als Mörderin, aber nun wird Kommissar Petar Velika misstrauisch. Warum sollte Bamby ausgerechnet jenen Mann töten, der ihre Mutter all die Jahre unterstützte? Eine atemberaubende Jagd nach dem wirklichen Mörder beginnt…

Im Mittelpunkt der Handlung steht diesmal das Schicksal der Migranten, dieser anonymen Menschen, die unter schrecklichen Bedingungen versuchen, über das Mittelmeer zu flüchten und – falls sie die Flucht überleben, sich in einer Gesellschaft wiederfinden, von der sie nicht gewollt sind. Liebenswert und fein nuanciert zeichnet Bussi den Charakter von Leyli Maal, einer alleinerziehenden Mutter aus Ségou, einer Kleinstadt 100 Kilometer von Bamako entfernt am Ufer des Flusses Niger. Vier Tage und drei Nächte lang folgen wir der Familie Maal: Leyli kämpft um eine etwas größere Wohnung, damit ihre drei Kinder in anständigen Verhältnissen aufwachsen können. Sie lebt mit der kleinen Familie in der Hafenstadt Port-de-Bouc und hat gerade einen unbefristeten Vertrag als Putzfrau erhalten.

Der atemberaubende Thriller ist in mehreren Handlungsebenen aufgebaut und zeichnet in Rückblenden Leylis Weg von Mali bis zur Côte d’Azur auf. Gleichzeitig ist es ein erschreckender Bericht über Hoffnungen und sich oft wiederholenden Verrat, dem Flüchtende zum Opfer fallen können: Illegale Einwanderung unter dem Deckmantel lukrativer Geschäfte zu Lasten armer Menschen, die nach einer besseren Zukunft suchen als der, die sie in ihrer Heimat zu erwarten haben – und nebenbei die Gleichgültigkeit der Politik, die seit Jahren kaum etwas gegen diese Zustände im Mittelmeerraum unternimmt. Leylis Reise ist das tragische Abenteuer einer Kriegerin, die ihrer Realität entfliehen wollte und an das Versprechen einer sonnigeren Zukunft in einer Hochhaussiedlung aus Beton und Stahl glaubte.

„Wir haben den Strand, wir haben das Meer, das hilft uns“. Leyli ist die Verkörperung all dieser Frauen und Männer, die bereit sind, ihr Leben zu riskieren, um dann an den fälschlicherweise verführerischen Ufern Europas zu stranden. mab

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