Ketsch

Ortsgeschichte Zeitzeugen erzählen, wie sie den Hagel am 22. Juli 1995 erlebt haben / Fenster zersplittern und Ziegel stürzen vom Dach / Autoschäden werden auf dem Marktplatz begutachtet

„Es sah aus wie in einem Science-Fiction-Film“

Ketsch.Der Himmel färbte sich schwefelgelb, ein surrender Pfeifton lag in der Luft und sogar die Vögel hörten auf zu singen, als sich vor 25 Jahren Orkantief „Emily“ ankündigte (wir berichteten). Der Orkan kam mitsamt riesiger Hagelkörner am 22. Juli 1995 mit einer solchen Wucht, dass Dächer zerschlagen wurden und Fenster zersplitterten. Auf unseren Aufruf haben sich viele Leser gemeldet, die sich noch gut an die Katastrophe erinnern.

Besonders schwer hat es die Familie Schmidt getroffen. Damals wie heute haben sie einen Getränkemarkt in der Lessingstraße. „Ich stand gerade mit dem Lkw vor dem Haus eines Kunden, als plötzlich die Heckscheibe eines Autos zersplitterte“, erzählt Rainer Schmidt (Bild oben). Und dann sei es losgegangen: Blätter rieselten auf den Lkw herab und als Schmidt schließlich zu Hause war, habe er seinen Augen kaum getraut. Die Fenster zersplitterten, die Ziegel wurden vom Dach gerissen und selbst die Autogarage brach durch. „Wir haben dann die Verwandtschaft zusammengetrommelt und das Dach mit Planen abgedeckt “, erklärt er, dass Teile des Daches wie ein Sieb durchlöchert waren. Hinterher musste er im Haus wegen der Feuchtigkeit die ganze Deckenverkleidung runterreißen – bis auf das Schlafzimmer und den Keller sei kein Zimmer mehr bewohnbar gewesen.

Schlimm sei auch der anschließende Dauerregen gewesen. „Zehn Zentimeter hoch stand im Getränkemarkt das Wasser“, weiß Schmidt. An den Katastrophentourismus am darauffolgenden Sonntag kann er sich noch gut erinnern. „Die Menschen kamen aus den umliegenden Gemeinden und haben so nach oben geschaut, dass sie mir über die Warnleuchten gefahren sind“, sagt er mit einem Schmunzeln. Ein Gutes habe der Sturm aber doch gebracht: In den folgenden Tagen arbeiteten viele Handwerker in der Gemeinde und wegen der Hitze habe sein Getränkegeschäft gebrummt. Von jenem Samstag 1995 berichtet auch Monika Voigtmann (Bild rechts). „Ich stand unter einem schrägen Dachfenster und hatte Angst, dass es zerschellt“, erzählt sie. Sie erinnert sich an den gelben Himmel und eine Stimmung, als stünde der Weltuntergang bevor. Voigtmann hat damals auch die Hagelkörner im Garten neben einem Hühnerei fotografiert – dieses Bild war 1995 in unserer Zeitung. Außerdem hat sie einige Körner, die so groß waren wie Tennisbälle, in ihrem Gefrierschrank aufgehoben. Ein Mitarbeiter einer Versicherung sei deshalb zu ihr gefahren, um die Eiskörner auszumessen. „Die Zacken am Hagel haben ihn besonders beeindruckt“, erklärt die Zeitzeugin.

Platzwunde von Eiskörnern

Irene Burkhard war mit anderen Mitgliedern der Kolpingfamilie auf dem Grundstück der Familie Abel, um das Sommerfest vorzubereiten, als sie in der Ferne Donnergrollen hörte und über dem Rhein von Speyer kommend ein gelb-graues Wolkengebilde sah. „Einhellige Meinung: Das zieht an uns vorüber“, schreibt sie uns. Bald darauf kam Wind auf und es fielen die ersten Hagelkörner. „In Windeseile versuchten wir zu schützen, was wir konnten. Da wurde der erste von uns am Kopf getroffen. Das Ergebnis war eine Platzwunde“, meint Burkhard. „Die Hagelkörner brachten den See zum Kochen, es gab meterhohe Wellen mit Schaumkronen. Es sah aus wie in einem Science-Fiction-Film.“

Burkhardt habe noch Glück gehabt: Dachziegel seien beschädigt und die Dachluke durchgeschlagen gewesen, es habe hereingeregnet, die Pergola sei in tausend Splitter im Garten verstreut gewesen und die Rollläden hätten Einschusslöcher gehabt. Am nächsten Tag hätten dann Mitglieder der Kolpingfamilie, die wenig betroffen waren, an der Hohwiese Schnitzel mit Pommes zubereitet. „Alle kamen, um das Essen abzuholen, da keiner Zeit zum Kochen hatte. Heute sagt man dazu Schnitzel ,to go’“, schreibt sie.

Mitten im Geschehen war auch Alfred Zund. „Ich hatte damals eine Generalagentur der Victoria Versicherung und eine größere Anzahl an KFZ-Kunden in Ketsch. Nachdem das Unwetter nachließ, stand mein Telefon nicht mehr still vor lauter Anrufen betreffs KFZ-Schäden“, schreibt er uns. Zund (Bild rechts) habe sich an die Schadensabteilung in Mannheim gewendet und schnell sei auf dem Marktplatz ein Stand aufgebaut worden. Dort kamen die Kunden mit den geschädigten Fahrzeugen vorbei.

„Da zwei Gutachter anwesend waren, konnten sie auf Wunsch sofort einen Scheck über die voraussichtliche Schadenshöhe ausstellen. Davon machten die meisten Gebrauch. Auch der Pkw meiner Frau war schwer beschädigt – alle Scheiben gebrochen und eine Reihe größerer Dellen im Blech. Außer der Verglasung ließ ich aber nichts reparieren. Wir fuhren das Auto noch mehrere Jahre und waren sogar in Italien damit“, berichtet Zund. Viele fragten, was mit dem Auto passiert sei. „Als wir an einem Hotel in Italien vorfuhren, kam uns ein Ehepaar entgegen und sagte: ,So wie euer Auto aussieht, kommt ihr bestimmt aus Ketsch.’ Wir waren erstaunt“, erzählt er von der Begegnung.

Unser Leser Kurt Stoll aus Hockenheim war zum Zeitpunkt des Orkans ebenfalls in Ketsch. Er begleitete eine Fußballmannschaft des Vfl Hockenheim zu einem Turnier. „Gegen die Mittagszeit zog sich der Himmel komplett schwarz zu. Die Kinder rannten vom Fußballplatz und schützten sich unter einem riesigen, aufgeschlagenen Zelt“, berichtet Stoll (Bild rechts). Die Kinder schnatterten, staunten oder fürchteten sich. „Zum Glück war die Zeltplane so stark und flexibel, dass die Hagelkörner abprallten und wegdopsten. Die Eternitdächer hingegen wurden zertrümmert.“ Stoll selbst bekam die Auswirkungen des Unwetters an seinem gerade einmal drei Monate alten Auto zu sehen: Das Dach und die Karosserie waren komplett verbeult. „Ich gehörte auch zu denen, deren Auto auf dem Marktplatz begutachtet wurde. Ich hatte einen Schaden von 8000 D-Mark“, schreibt er.

Glück im Unglück hatte Gisela Schäfer (Bild rechts): Unter anderem ihre Rollläden haben einen Schaden davon getragen. Noch heute sind tiefe Dellen zu sehen. „Wir sprechen oft über den Hagel – die Löcher haben wir als Erinnerung behalten“, erklärt sie.

Auch Jakob Burkhardt, der 1995 in der Schillerstraße wohnte, schreibt uns von seinen Erfahrungen. „So etwas hatte und habe ich bisher nicht mehr erlebt. Aus der Holzdecke in unserer Küche tropfte Wasser und das Telefon klingelte Sturm“, schreibt er. Der Wohnwagen von Burkhardt (Bild rechts), der im Garten stand, erlag dem Sturm. „Einmal waren wir mit ihm im Urlaub, nach dem Hagel hatte er einen wirtschaftlichen Totalschaden. Genauso war es beim Auto meiner Frau.“ Das Wichtigste sei aber, dass niemand verletzt wurde. „Das Hagelunwetter hat mich bis heute geprägt. Wenn sich der Himmel verfärbt, beginnt mein Herz zu rasen und ich hoffe, dass wir mit einem blauen Augen davonkommen. Vergessen werde ich diesen Tag niemals“, schreibt Burkhardt. Für Michael Speckmann, der damals bei „Eurocars Sinsheim“ tätig war, hat der Hagel auch Positives gebracht. Der gesamte Fahrzeugbestand war damals verbeult und auf der Suche nach jemandem, der bei der Reparatur helfen kann, ist er durch einen Autolieferanten auf zwei Brüder aufmerksam geworden. „Die konnten die Dellen rausdrücken – das war unglaublich“, erklärt Speckmann. Viele Kunden seien aus Ketsch gekommen. Das Geschäft hat er weiter aufgebaut und so ist die „Hagelhilfe“ entstanden.

Info: Weitere Bilder gibt’s unter www.schwetzinger-zeitung.de

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