Ketsch

Niedrigwasser Bei einer noch länger anhaltenden Hitzeperiode könnte es zu einem Fischsterben kommen / Sauerstoffgehalt sinkt mit steigender Temperatur

Friedrich Reiß: Es kann kritisch werden

Archivartikel

Ketsch.Der Wasserstand des Altrheins ist weit abgesunken. Ausbleibender Regen und die andauernde Hitze haben ihre Spuren hinterlassen. Vor dem Zufluss des Kraichbachs sieht der Altrhen so aus, als befinde sich hier ein See und kein fließendes Gewässer. „Für die Fische reicht das“, weiß Dr. Friedrich Reiß. Die verminderte Wassermenge sei kein Problem. Der Gewässerwart des Angelsportvereins 1928, sonst mit Wohl und Wehe des Anglersees betraut, erklärt, dass durch den Kraichbach immer eine gewisse Mindestwassermenge vorhanden sei. Wenn das nicht mehr direkt durch den Kraichbach-Zufluss erfolge, dann doch über den südlichen Altrhein, wo die Struktur der Sandbänke dies zulasse. Selbst im Superhitze-Jahr 2003 sei der Altrhein nicht ganz trocken gewesen.

Und dennoch: „Es kann kritisch werden“, sagt Reiß, „wenn die Wassertemperatur steigt, nimmt der Sauerstoffgehalt des Wassers ab“. Es könne passieren, dass Fische verenden.

Dauer der Hitze entscheidend

„Wir müssen nächste Woche genau hinschauen“, sagt Tatjana Erkert, Pressesprecherin der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg in Karlsruhe. Ab 28 Grad Wassertemperatur sei ein kritischer Wert erreicht, bei dem es zu einem Fischsterben kommen könne „Es gibt aber noch andere Einflussfaktoren“, sagt Tatjana Erkert. Ein paar Tage Hitze könnten viele Fischarten gut vertragen. Es komme auf die Dauer der Hitzeperiode an, infolgedessen der Sauerstoffgehalt des Wasser immer weiter sinke. Da auch in den nächsten Tagen mit heißem Wetter gerechnet wird, müsse man die Entwicklung im Auge behalten.

Es gebe auch Fischarten, die bereits bei 25 Grad Wassertemperatur sterben könnten. In den Unterläufen des Rheins, also rund um Ketsch, seien aber meist Fischarten zu Hause, denen 28 Grad noch nichts anhaben. Die Messwerte zur Wassertemperatur zeigten schon am Donnerstag 24,9 Grad bei Rheinfelden, 26 Grad bei Iffezheim, 26,5 Grad bei Karlsruhe und knapp über 28 Grad bei Worms. Gestern kletterten die Temperaturen auf 25,2, 26,2 und 26,6 Grad. In Worms wurden 27,8 Grad gemessen.

Schweizer schlagen Alarm

„Ich rechne schon nächste Woche mit der Tragödie“, sagte der Geschäftsführer des schweizerischen Fischereiverbandes, Philipp Sicher, am Donnerstag. Zwischen Schaffhausen und dem Untersee westlich des Bodensees müsse mit Tausenden von toten Fischen gerechnet werden. Der Rhein habe dort schon 25 Grad Wassertemperatur. Auf Schweizer Seite seien in den vergangenen Wochen etwa an Zuflüssen kälterer Bäche sechs Kaltwasserbecken als Zufluchtsort für die Fische ausgebaggert worden. Mehr könne man nicht tun.

Eine Betäubung der Fische und Umsetzung an kühlere Orte sei nur in kleineren Bächen möglich. Der Rhein sei zu breit und habe eine zu starke Strömung. Zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein am westlichen Ende des Untersees liegen gut 20 Kilometer.

„Wir haben die Fischereivereine schon alarmiert“, sagte Sicher. Sie stünden bereit, beim Wegräumen der toten Fische zu helfen. Verendete Fische würden sofort von Bakterien befallen und seien nicht zu verwerten. Sie müssten in der Kadaververbrennung entsorgt werden.

Im Jahr 2003 erlebten die Fische im Rhein bereits einen „Todessommer“, wie der Fischereiverband es nennt. Der Rhein war in dem Abschnitt über längere Zeit 27 Grad warm. Mindestens 50 000 Äschen kamen nach einer Studie für das Bundesamt für Umwelt um.

Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Baden-Württemberg warnt vor steigenden Temperaturen im Rhein und seinen Nebenflüssen. In Kürze drohe die Überschreitung der für die Gewässerökologie gefährlichen Temperatur von 28 Grad, heisst es in einer Mitteilung. Die 28-Grad-Marke entspricht auch dem zulässigen Grenzwert der europäischen Oberflächengewässerverordnung.

Abwärme von Industriebetrieben

Laut BUND sorgt neben Hitze und Niedrigwasser die Abwärme von Industriebetrieben, Kraftwerken sowie die Kühlwasser-Einleitungen der Atomkraftwerke Philippsburg und Fessenheim dafür, dass die Temperatur immer weiter steige. Kai Baudis, stellvertretender Landesvorsitzender des BUND Baden-Württemberg, fordert: „Schon vor der Erreichung von 26 Grad müssen Minderungsmaßnahmen ergriffen werden, um das für Fische gefährliche Temperaturniveau nicht zu erreichen.“

Und: „Das Abwärmeproblem ist ein weiterer Beweis, dass der Weiterbetrieb von Kohle- und Atomkraftwerken nicht zukunftsfähig ist. Die in Kohle und Uran steckende „Primärenergie“ wird in diesen Kraftwerken allenfalls zu 40 Prozent genutzt, der große Rest landet als Abwärme in den Flüssen oder heizt über die Kühltürme die ohnehin schon zu heiße Atmosphäre auf.“

Info: Mehr Fotos unter www.schwetzinger-zeitung.de

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