Ketsch

Breuners Buchtipp „42 Grad“ von Wolf Harlander / Realistischer Ökothriller zeigt auf, wie verletzlich unsere Infrastruktur ist

Glaubhafte Fiktion als gute Unterhaltung

Archivartikel

Ketsch.Barbara Breuner (kleines Bild) ist die Leiterin der Gemeindebücherei. Einmal im Monat präsentiert sie für die Leser dieser Zeitung ein Buch, das sie empfehlen kann – heute „42 Grad“ von Wolf Harlander:

Monatelang strahlt die Sonne heiß über Deutschland, das ganze Land freut sich über einen neuen Jahrtausendsommer. Freibäder und Eisdielen schreiben Rekordumsätze. Doch dann erreichen die Temperaturen Rekordwerte, auf den Feldern verdorren die Pflanzen, weil der Grundwasserspiegel sinkt.

Die gnadenlose Hitze trocknet nicht nur den Rhein und die Talsperren aus, auch der Asphalt der Straßen bricht auf, Trinkwasser wird knapp, Waldbrände nehmen überhand und können nicht gelöscht werden. Bald spricht niemand mehr von einem perfekten Sommer. Atomkraftwerke gehen vom Netz, an vielen Orten geraten Wasserwerke in Schwierigkeiten, durch unerklärliche Fehler in den elektronischen Steueranlagen bricht die Wasserversorgung zusammen – es wird richtig ungemütlich.

In seinem ersten Thriller hat der Münchner Wolf Harlander genau das in Szene gesetzt. Müssen wir uns etwa an solche Ausnahmezustände gewöhnen?

IT-Spezialistin Elsa Forsberg, die sich früher mal bei einer militanten Öko-Bewegung engagiert hat und jetzt als Datenanalystin für die europäische Umweltagentur arbeitet, wird zur Recherche nach Deutschland geschickt. Gemeinsam mit dem Hydrologen Julius Denner warnt sie vor einer weiteren Verschärfung der Hitze. Niemand nimmt die Beiden ernst, bis die ersten Flüsse austrocknen, Waldbrände außer Kontrolle geraten. Die Experten kommen bald zu dem Schluss, dass die Wasserwerke sabotiert und die Wälder mit Absicht angezündet werden. Neben ihren Analysen finden sie eine heiße Spur: Eine internationale Terrorzelle verübt Sprengstoffanschläge auf Talsperren, Giftanschläge verknappen die Wasserversorgung und Versorgungsschaltstellen werden durch Cyberattacken ausgeknipst, während immer mehr Todesopfer zu beklagen sind.

Täglich wird die Lage dramatischer. In Berlin und Brüssel folgt Krisengipfel auf Krisengipfel. Überall in Europa versuchen Wasserflüchtlinge, in see- und flussreichere Gegenden zu gelangen. Während die Zivilisation zusammenzubrechen droht, versuchen Julius und Elsa mit allen Mitteln, die Katastrophe aufzuhalten – und geraten damit ins Fadenkreuz von Mächten, die ihre ganz eigenen Interessen verfolgen.

Mit dem Schweiß auf der Stirn

Mit seinem beklemmend realistischen Ökothriller und den sich überschlagenden Ereignissen treibt uns Wolf Harlander den Schweiß auf die Stirn. Gebannt fiebert man als Leser mit, wie Elsa Forsberg und Julius Denner sich verzweifelt der brandgefährlichen Lage entgegenstellen und versuchen, die Katastrophe zu beenden.

Der Autor zeigt uns in seinem hochaktuellen Roman, wie verletzlich unsere Infrastruktur ist. Die Auswirkungen der globalen Erderwärmung sind derzeit zwar etwas in den Schatten getreten, doch auch bei uns sind die dramatischen Folgen des Klimawandels schon deutlich spürbar: extrem heiße oder vollkommen verregnete Sommer in Europa durch Verschiebung der Klimazonen nach Norden. Bisher empfinden wir die Lage noch nicht wirklich als dramatisch, aber gibt es Dürre, Seuchen und Erdbeben wirklich nur woanders? Der bisherige Temperaturrekord wurde im Juli vergangenen Jahres mit 42,6 Grad Celsius in der niedersächsischen Stadt Lingen gemessen. Aber wie würde es aussehen, wenn sich solche Temperaturen über einen längeren Zeitraum kontinuierlich halten würden?

Wolf Harlander greift auf gut recherchierte Fakten zurück, die er erschreckend glaubhaft in apokalyptische Zustände hochrechnet. Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass es zunehmend heißer wird. Hoffen wir, dass der Zeitpunkt zum Gegensteuern noch nicht verpasst ist, sondern die glaubhafte Fiktion noch möglichst lange nur gute Unterhaltung bleibt.

Wolf Harlander, geboren 1958 in Nürnberg, studierte Journalistik, Politik und Volkswirtschaft. Nach einem Volontariat bei einer Tageszeitung und der Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule arbeitete er für Zeitungen, Radio, Fernsehen und als Redakteur der Wirtschaftsmagazine Capital und Wirtschaftswoche. Er lebt heute als Autor in München. zg/mab

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