Ketsch

Hilferuf Dieter Vieten ist an primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS) erkrankt / Seine Familie sucht seit vielen Monaten nach einer treppenfreien Wohnung

Nicht nur Stufen bilden ein Hindernis

Archivartikel

KETSCH.Mitten im Leben von jetzt auf nachher gesundheitlich ausgebremst zu werden, damit rechnet niemand. Vor allem nicht, wenn man gerade um die 40 Jahre alt ist, beruflich im Sattel sitzt, drei Kinder zur Familie gehören, man ein Haus gebaut hat, für das es noch Verpflichtungen gibt. „Es begann vor etwa fünf Jahren mit einem leichten Stolpern, einer Art „Hängenbleiben“ und Knieproblemen“, schildert der heute 45 Jahre alte Dieter Vieten, den wir in seinem Zuhause besucht haben.

Ihn daheim zu treffen hatte mehrere Gründe: die Freundin kennenlernen, die sich mit ihrer Bitte um Hilfe für die Familie an unsere Zeitung gewendet hat; erfahren, wie der Familienvater mit der primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS), lebt; wie die fünfköpfige Familie damit umgeht; warum ein Leben im eigenen Haus nicht mehr möglich ist.

Zuhause muss erklommen werden

Das Hoftor öffnet sich und auf den ersten Blick ist ein liebevoll angelegter Hofbereich zu erkennen und eine Menge Stufen. Die ersten 15 gehen sacht bergab, die nächsten 15 Treppenstufen steil nach oben, dann ist die Eingangstür erreicht. Dahinter geht es in den gemütlichen Wohn-Ess-Bereich, rechts weitere 16 gewendelte Treppenstufen nach oben zum Elternschlafzimmer und den Kinderzimmern. Im Bad gibt es nur einen hohen Einstieg in die Dusche. Will man in den Garten hinter dem Haus, geht es Stufen hinunter.

Sicher ein gewisses Workout für alle, die gut zu Fuß sind. Wie aber schafft das jemand, der nach und nach mit extremen Schmerzen und dem „Befehlskontrollverlust“ an die Beine umgehen muss? „Für einen Gang raus oder rein in die Wohnung muss ich mindestens 20 bis 25 Minuten einrechnen“, erklärt Vieten, der vor zweieinhalb Jahren mit einem Stock, aktuell kurze Strecken mit zwei Stöcken gehen muss. In der Wohnung geht es mit dem Rollator und weitere Strecken mit dem Rollstuhl. Von der potenziellen Verletzungs- und Sturzgefahr redet niemand, daran denken aber alle.

Die quirligen fünfjährigen Zwillinge Nils und Mathis haben Energie und stellen die Hütte auf den Kopf. „Burg“, verbessert Mutter Carmen (43), so nennen die Vietens ihr Haus, wohl auch, weil es nur über die vielen Stufen fast uneinnehmbar zu erreichen ist. Dazu hat es im Wohnbereich, der auf zwei Geschosse verteilt ist, noch mehr Stufen – zurzeit bereits nur schwer überwindbare Hindernisse für Dieter Vieten.

„Ich bin damals zu allen regulären Ärzten gegangen, keiner konnte so richtig helfen, ich bekam Physiotherapie wegen Muskelproblemen, die sich nicht lösten, dort hat man mich aufgeklärt, dass die Möglichkeit bestünde, dass ich an MS erkrankt bin“, schildert der Angestellte bei einem Chemiekonzern.

Man vermittelte ihn an entsprechende Ärzte: „Von diesem Zeitpunkt bis zur Diagnose dauerte es lediglich sechs Wochen.“ Dann war er da, der Hammer, der das Leben aller Vietens und ihres Umfeldes schlagartig veränderte. Hochdosiertes Kortison, Physiotherapie, Ergotherapie folgen – keine Verbesserung. „Das ist nicht schleichend, das ist galoppierend für mich“, sagt Vieten, wie er seinen Zustand empfindet.

Langzeitstudien gibt es nicht

Zurzeit bekommt er ein neues Medikament, das den Verlauf der PPMS eindämmen soll: „Aber Langzeitstudien gibt es nicht.“ Schlimm ist die gesamte Lage psychisch, für alle belastend. Besonders gravierend ist auch, dass sich die ältere Tochter von vielen Aktivitäten mit ihrem Papa verabschieden musste, er natürlich auch, etwa vom gemeinsamen Radfahren und Schwimmen gehen. Die beiden Söhne kennen es bewusst nicht anders als es aktuell ist. Keine einfache Situation. Carmen Vieten betont: „Es gibt viel Schlimmeres“, dass sie versuchen, als Familie die Sache mit Humor zu nehmen.

Hilfe wollten sie eigentlich gar nicht annehmen, doch die private Suche nach einem neuen Zuhause erweist sich als extrem schwierig. „Wir hatten eine Traumwohnung in Ketsch gefunden, aber es wurde nichts daraus“, ist dem Paar die Enttäuschung anzuspüren, denn sie würden gerne in der Gemeinde bleiben. „Die Kinder und die Erwachsenen haben ihr soziales Umfeld hier, der Opa wohnt in Ketsch“, schaltet sich Elke Hemmerich ein, die sieht, dass Hilfe unbedingt nötig ist, damit sich an der häuslichen Situation schnell etwas ändert. Eineinhalb Jahre suchen die Vietens schon und hoffen, dass sich Hilfe – ein Mensch, der eine passende Wohnung hat – findet.

Viele Steine liegen im Weg

Zum ganzen Dilemma gesellen sich „die Steine, die man in den Weg gelegt bekommt“, nicht nur die, die von der Krankheit verursacht werden, auch jene, die in den bürokratischen Hürden lauern, die es zu nehmen gilt, für alles und jede Kleinigkeit, die hilft den Alltag zu erleichtern. Ein Fahrzeug für die Fahrt zur Arbeit oder für Familienausflüge, dass die Mobilität erhalten bleibt, der Rollator, der Rollstuhl, der elektrische Zusatzantrieb, ein Arm-Bein-Trainer, der Treppensteigheber, der jetzt bald geliefert wird. „Man muss um alles kämpfen“, erklärt das Paar.

Bei der Kommune haben sie bereits angefragt, auch dort konnte man ihnen nicht weiterhelfen in Sachen Wohnung. In einer Seniorenwohnanlage wären optimale Bedingungen für Dieter Vieten, aber dorthin könnte er nur getrennt von Frau und Kindern leben – das wollen alle nicht: „Wir sind eine Familie“, bekräftigt Carmen Vieten. Basis dafür ist eine grundlegende Veränderung der Wohngegebenheiten – immer in der Hoffnung, dass sich jemand meldet, der Helfen kann. „Wir freuen uns über jedes Angebot“, unterstreicht Dieter Vieten.

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