Ketsch

Breuners Buchtipp „1965 – der erste Fall für Thomas Engel“ von Thomas Christos vermittelt Spannung

Seilschaften aus der Nazizeit

Archivartikel

Ketsch.Büchereileiterin Barbara Breuner empfiehlt an dieser Stelle einmal im Monat ein Buch – heute „1965 – Der erste Fall für Thomas Engel“ aus der Feder von Thomas Christos, das im Blanvalet Verlag erschien. Breuner schreibt:

Für eine Leseüberraschung sorgt Thomas Christos mit dem Beginn einer Reihe um den jungen Kommissar Thomas Engel, in dem er Zeitgeschichten mit einem spannenden Kriminalroman vereint.

Der 21-jährige Engel wollte der Enge am tiefsten Niederrhein entfliehen, als er nach Düsseldorf kommt. Ein Freund seines Vaters ermöglichte es ihm, seinen Traum wahr werden zu lassen und in der Großstadt einen Job bei der Kripo zu erhalten. Vieles ist bisher an ihm vorbeigegangen, was ihm bewusst wird, als er ein Konzert der Rolling Stones erlebt. Dabei lernt er Peggy kennen, die sein Leben verändert. Thomas hat noch viel zu lernen, kaum etwas weiß er bislang über die Vergangenheit.

Er stürzt sich in sein neues Leben und in seine Arbeit und wird nach einem Lehrgang Strobel unterstellt. Ihm wird ein spannender Fall beschert, als ein junges Mädchen tot in der Ruine Kaiserswerth an der Kaiserpfalz aufgefunden wird, ganz in der Nähe eines Roma-Lagers. Sein Chef geht von Selbstmord aus, aber Engel stellt Fragen.

Er findet Hinweise, die zurück in die Nazizeit weisen. Engel kann nicht verstehen, dass seine Kollegen nicht der Spur folgen, die in die 1930er Jahre führt. Mit seinen Recherchen macht er sich unbeliebt, denn er ahnt, dass man etwas vor ihm verheimlicht. Der junge Kommissar trifft auf einen Polizeiapparat, der von der Vergangenheit geprägt ist. Von ihm wird bedingungslose Disziplin erwartet, falsch verstandene Kameradschaft soll polizeiliche Willkür kaschieren. Trotzdem lässt er die Angelegenheit nicht ruhen und ermittelt auf eigene Faust weiter. Seine Ermittlungen führen ihn in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.

Der Krimi spielt auf zwei Zeitebenen und beginnt damit, dass im Jahr 1939 ein kleines Mädchen von einem Triebtäter getötet wird. Damals wurde die Aufklärung des Falls von der Gestapo verhindert, man macht einen Unschuldigen zum Täter. In vielschichtigen Charakteren stellt der Autor heraus, dass alte Seilschaften auch Jahre nach dem Krieg noch funktionieren und dass Kameradschaft bei der Polizei unverbrüchlich ist. Immer wieder ist es bedrückend zu lesen, was alles unter dem Deckmantel der Rassenhygiene geschehen ist.

Das Buch setzt sich auch mit der Frage von Schuld auseinander. Darf man Befehle verweigern? Und wenn man Befehle befolgt, enthebt einen das von Schuld?

Die Handlung ist frei erfunden, basiert aber auf realen historischen und kulturellen Begebenheiten. Auch persönliche Erfahrungen sind dabei – Christos kam 1964 als Sohn eines griechischen Gastarbeiters nach Deutschland. Er war geschockt, weil langhaarige Männer grundlos verprügelt wurden. Nie wird er einen Polizisten vergessen, der seine italienischen Nachbarn mit dem Hitlergruß empfing.

Heute ist Christos, der hier unter Pseudonym schreibt, Drehbuchautor für das Fernsehen. Unter anderem wurde er für seinen Film „Schräge Vögel“ für den Adolf-Grimme-Preis nominiert. Sein klug konstruierter Krimi zeichnet auch ein Sittenbild des Deutschlands vor 1968, als alte Nazi-Größen immer noch gedeckt wurden. zg/mab

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