Ketsch

Breuners Buchtipp „Hulda Trilogie“ von Ragnar Jónasson / Der erste Teil schildert das Ende / Handlungsstränge haben es in sich / Nächtliche Lesestunden garantiert

Spannung bis zum wahren Gänsehautmoment

Archivartikel

Ketsch.Barbara Breuner (kleines Bild) präsentiert einmal im Monat ein Buch für die Leser dieser Zeitung, und dieses Mal stellt die Leiterin der Gemeindebücherei gleich drei Bücher in den Mittelpunkt: Die „Hulda Trilogie“ von Ragnar Jónasson, die im btb Verlag erschienen ist.

„Dunkel“ ist der erste Band einer etwas anderen Krimi-Trilogie. Im Fokus steht die 64-jährige Hulda Hermannsdóttir, eine Kommissarin alter Schule, die frühzeitig in Ruhestand gehen soll, um Platz für einen jüngeren Kollegen zu machen. Sie darf sich einen letzten Fall, einen Cold Case, aussuchen – und der ist schnell gefunden.

Ihr Interesse gilt dem Fall der russischen Asylbewerberin Elena. Nachdem diese tot am Strand aufgefunden wurde, ging man von einem Suizid aus und so wurde die Akte schnell geschlossen. Hulda fällt auf, dass die damaligen Ermittlungen mehr als schlampig geführt wurden und sie möchte begreifen, was die junge Frau in den Tod trieb. Und was passierte mit Elenas Freundin, die plötzlich wie vom Erdboden verschluckt schien? Der Ermittlerin bleibt nicht viel Zeit – und während sie sich in den Fall vertieft und Nachforschungen anstellt, merkt sie nicht, dass sie selbst unter Beobachtung steht …

Auch wenn Huldas Leben und ihre düstere Vergangenheit im Vordergrund stehen, bekommt der Fall genug Aufmerksamkeit, der Leser erfährt nach und nach viele Details und durch das Ineinandergreifen der Handlungsstränge baut Autor Ragnar Jónasson langsam Spannung auf, die er bis zuletzt halten kann. Dank der Rückblenden in die Vergangenheit, die teilweise aus der Sicht von Huldas Mutter erzählt werden, lernt man Hulda und ihr Verhalten besser zu verstehen. Das großartige Ende sorgt schließlich für einen wahren Gänsehautmoment.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass die „Hulda-Trilogie“ in chronologisch umgekehrter Reihenfolge erzählt wird. Der erste Teil schildert das Ende ihrer Laufbahn mit der fulminanten Auflösung eines alten Falls, während wir in den nächsten beiden Teilen in Huldas Vergangenheit reisen. Diverse offene Handlungsstränge deuten zwar die Richtung an, haben es aber ganz schön in sich, so dass man geradezu durch die Seiten fliegt.

Nach dem gelungenen Auftakt wird die Kommissarin bei der Polizei Reykjavík 15 Jahre vor den Ereignissen des ersten Bandes auf dem Höhepunkt ihrer Karriere zu einer abgelegenen Insel geschickt. Im gleichnamigen zweiten Teil „Insel“ verbringen vier Freunde ein gemeinsames Wochenende auf den Spuren der Vergangenheit und verlieren in dem Haus, das von der Bevölkerung als das isolierteste Haus Islands bezeichnet wird, den Boden unter den Füßen. Nur drei von vier Freunden kehren zurück. Huldas beharrliche Ermittlungen kreuzen wieder sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart. Als sie im Zuge ihrer Ermittlungen einen alten Fall neu aufrollt, beschwört sie fast einen Skandal herauf – und plötzlich ist sie einem Mörder auf der Spur, der möglicherweise nicht nur ein Leben auf dem Gewissen hat.

Unbestechliche Protagonistin

Die Ereignisse in einsamen, abgeschiedenen Gegenden Islands, mitten in einer ungezähmten Landschaft und die menschlich agierende Ermittlerin ergeben einen spannenden Nordic-Noir-Thriller, der nächtliche Lesestunden garantiert.

Hulda Hermannsdóttir ist tatsächlich eine herausragende Protagonistin, wie man sie kaum in einem anderen Roman findet. Unter ihren Kollegen zählt die Einzelgängerin zu den Ältesten, die kaum Freunde hat. Für so manche Leserin bietet Hulda auch ein hohes Maß an Wiedererkennungswert. Sie ist fleißig, unbestechlich und erfolgreich und wird trotzdem in einem von Männern dominierten Beruf nicht als besonders kompetent angesehen. Auf der Karriereleiter wurde sie als Frau so manches Mal übergangen, nimmt jedoch im Gegensatz zu manchen Kollegen ihre Arbeit sehr ernst, überprüft jedes noch so kleine Detail und verfolgt alle erdenklichen Spuren.

Trotz zahlreicher Rückschläge, sowohl beruflich als auch im Privatleben, achtet sie nicht darauf, was man über sie sagt oder denkt, und genau das macht Hulda äußerst sympathisch. Wieder schafft es der Autor, seine Leser zu verblüffen und zu schockieren. Beim Lesen scheint es, als sei Island ein sehr dunkler Ort.

Mehrere Leichen

Im gerade erschienenen letzten Teil der Trilogie „Nebel“ kehrt Kommissarin Hulda nach einem schweren Schicksalsschlag gerade wieder in ihren Beruf zurück. Sie hat in einem neuen Fall zu ermitteln, bei dem mehrere Leichen in einem abgelegenen Bauernhaus im Osten des Landes gefunden wurden. Alles deutet darauf hin, dass die Toten dort schon seit einigen Wochen liegen. Was geschah während der Weihnachtstage, als das Bauernhaus durch einen Schneesturm vom Rest der Welt abgeschnitten war? Und: Gibt es ein Entkommen vor der eigenen Schuld?

Autor Ragnar Jónasson ist 1976 in Reykjavík geboren, lebt und arbeitet als Schriftsteller und Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Finanzwesen. Der Mitbegründer des „Island Noir“, dem Reykjavík International Crime Writing Festival, lehrt nebenbei an der Universität Urheberrecht. Seine preisgekrönte „Hulda-Trilogie“ erschien nun erstmals auf Deutsch. Davor veröffentlichte er die Serie „Dark Iceland“, deren Fernsehrechte bereits gesichert wurden. zg/mab

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