Ketsch

Breuners Buchtipp „Rückwärtswalzer“ von Vea Kaiser nimmt Leser auf wilde Familienfahrt mit / Schwarzer Humor und Herzenswärme

Trauerbewältigung mit Wiener Schmäh

Archivartikel

Ketsch.Als Onkel Willi unerwartet stirbt, stehen die Prischinger Schwestern vor einem großen Problem. Willi wollte immer in seinem Geburtsland Montenegro bei seiner Schwester begraben werden, aber das Geld, das er dafür gespart hat, ist inzwischen weg. So begibt man sich kurzerhand auf eine illegale Fahrt im Fiat Panda von Wien Liesing bis zum Balkan: Eine wilde Geschichte beginnt, die Bibliotheksleiterin Barbara Breuner in ihrem aktuellen Buchtipp für unsere Leser empfiehlt.

Die Damen aus dem Roman sind schon älter und besitzen zwar den Führerschein, sind aber nie gefahren. Daher kommt eigentlich nur Neffe Lorenz als Fahrer in Frage. Natürlich ist Lorenz von der Idee nicht begeistert – es ist illegal und man sollte die Menschen mit Würde bestatten. Lorenz verdankt seinen Tanten allerdings sehr viel, sie haben ihn nicht nur während seiner Studentenzeit durchgefüttert, sondern erst vor kurzem, als er völlig pleite und von der Freundin verlassen war, bei sich aufgenommen. Und egal was kommt, die Familie Prischinger hält immer zusammen. Und Willis letzter Wunsch zählt bei all diesen Überlegungen natürlich auch noch.

Auf der 1029 Kilometer langen Reise finden dann die abenteuerlichen Geschichten der Familie Prischinger auf kunstvolle Weise zueinander. Mirl, die älteste der Schwestern, muss nach dem Krieg schon früh Verantwortung übernehmen und will nur weg aus dem elterlichen Gasthof, weg vom Land. Doch weder die Stadt noch ihre Ehe entwickeln sich so, wie sie es sich erträumte.

Wetti interessiert sich bereits als Kind mehr für Tiere als für Menschen. Als Putzfrau im Naturhistorischen Museum kennt sie die Präparate der Sammlungen bald besser als jeder Kurator, und als alleinerziehende Mutter einer dunkelhäutigen Tochter schockiert sie die Wiener Gesellschaft.

Und Hedi, die Jüngste im Bunde, lernt Willi zu einem Zeitpunkt in ihrem Leben kennen, an dem sie mit selbigem fast schon abgeschlossen hat. Denn die drei Schwestern haben in jungen Jahren einen schweren Verlust erlitten. Und sie alle geben sich die Schuld daran.

Vea Kaiser erzählt unterhaltsam, mit Witz und voller Herzenswärme von einer Familie aus dem niederösterreichischen Waldviertel, von drei Schwestern, die ein Geheimnis wahren, von Bärenforschern, die die Zeit anhalten möchten, und von den Seelen der Verstorbenen, die uns begleiten, ob wir wollen oder nicht. Die Autorin schreibt abwechselnd sehr berührend aus der Vergangenheit und dann wieder aus der Gegenwart aus der Sicht von Lorenz. Ihre Protagonisten sind bei aller Skurrilität liebenswürdig und authentisch, denn so manches Mal prallen die Meinungen der Tanten, ihrer Männer und ihrer Töchter im Leben aufeinander.

Wie schon bei ihrem vorhergehenden Roman „Makarionissi oder Die Insel der Seligen“ blitzt auch hier der schwarze Humor durch die Seiten. Bei dieser lebendigen Geschichte kann man definitiv nicht aufhören zu lesen.

Der Roman, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, kann in der Gemeindebücherei ausgeliehen werden. zg/beju

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