Kommentar

Aufreger Autoindustrie

Archivartikel

Gert Häusler über ein deutsches Tempolimit – nur eben anders

Eigentlich haben wir zurzeit genügend Themen, die besorgniserregend sind – etwa die Folgen von Corona für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Gefährdung von Arbeitsplätzen durch die mit voller Wucht weggebrochenen Aufträge. Innenstädte, die mit der Schließung von kleinen Fachgeschäften bis zu großen Kaufhäusern kämpfen. Die Kommunen fürchten mit den wachsenden Leerständen eine Verödung der gewachsenen Ortsmittelpunkte.

Die tägliche Fülle schwieriger Informationen überfordert immer mehr Menschen. Doch es gibt auch solche, die von den Ereignissen ziemlich unberührt sind. Die können sich wiederum über andere Themen richtig aufregen. Etwa als der Chef von Volvo kürzlich in einem Interview bestätigte, dass die schon länger angekündigte Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit für alle Volvo-Modelle tatsächlich kommt: 180 Stundenkilometer ab 2021 und das weltweit. Er begründete dies mit der unternehmerischen Entscheidung zur künftigen Positionierung auf dem Automarkt. Man dürfe vor der künftigen Entwicklung des Individualverkehrs nicht die Augen verschließen.

Die Reaktionen fielen erwartungsgemäß harsch aus. Äußerungen wie „große Freiheitsberaubung“ und „freie Fahrt für freie Bürger“ folgten. Einer meinte, man könne doch auf das Verantwortungsgefühl der Autofahrer setzen, der nächste schrieb, er lasse sich von niemandem vorschreiben, wie schnell er fahren soll – „auch nicht von einer Maschine“. Wieder andere waren der Ansicht, die Sicherheit der Autos würde vom Hersteller dann bestimmt verringert. Einer machte öffentlich, dass er im Zweifel ganz sicher den Motor manipulieren würde, um die Beschränkung auszuhebeln. Aber eigentlich wollen sie ja alle gar keinen Volvo, denn von chinesischen Eigentümern käme sowieso kein Auto ins Haus. Den sehr starken China-Einfluss auf Mercedes, BMW und den VW-Konzern mit Porsche, Audi, Bentley und Co. „übersehen“ sie geflissentlich. Damit es auch schön weiter köchelt, werden noch uralte Klischees über Volvo-Fahrer aufgewärmt.

Man kann nun sicher über das Ausmaß von Geschwindigkeitseinschränkungen diskutieren: Schon bei den Tempo-30-Zonen geschieht das ja immer wieder. Volvo hat zwar insgesamt gesehen ein starkes Wachstum, allerdings liegt der Marktanteil in Deutschland gerade mal bei 1,5 Prozent. Da man auch niemand zum Kauf einer bestimmten Automarke zwingen wird, stellt sich schon die Frage, warum eigentlich die Aufregung über einen einzelnen Hersteller. Oder fürchtet man doch vor der nächsten Wahl viel mehr die erneute Diskussion über ein generelles Tempolimit?

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