Kommentar

Der Halo-Effekt

Gert Häusler über Lese-Erlebnisse in Viruszeiten

In der Sozialpsychologie spricht man vom Halo-Effekt, wenn Ereignisse oder Eigenschaften wie ein „Heiligenschein“ (englisch Halo) alles überstrahlen. So wird manchen Menschen aufgrund ihrer „Ausstrahlung“ oft alles verziehen, weil man ihnen generell das Gute unterstellt. Den Effekt gibt es jedoch auch im negativen, wenn zum Beispiel manchem Politiker, egal was er macht oder sagt, stets alles Schlechte zugetraut wird.

Diese Wahrnehmungsverzerrung zieht sich durch alle Bereiche des Lebens und oftmals ist sie uns gar nicht bewusst. Klassischer „Überstrahler“ ist derzeit das Coronavirus. Ob Nachrichtensendungen, „normale“ Gespräche, private und wirtschaftliche Entscheidungen oder die Gedanken an Familie und Freunde, alles wird durch Corona ausgeleuchtet.

Wenn wir Filme oder Unterhaltungssendungen sehen, die vor mehr als vier Wochen gedreht wurden, wundern wir uns über Umarmungen und Küsschen hier und Küsschen da. Einer begeisterten Leserin ging es in diesen Tagen mit einem dramatischen Roman ebenso: Die Hauptfigur, ein in seinem Beruf äußerst engagierter Neurochirurg in der israelischen Stadt Beer Scheva, verursacht einen Verkehrsunfall, bei dem ein illegaler Einwanderer aus Eritrea ums Leben kommt. Ein zum Teil aufwühlendes Buch (A Gundar-Goshen „Löwen wecken“), von dessen Inhalt die Leserin aber zwischendurch dennoch abgelenkt war.

In einer Passage wird geschildert, wie der Arzt nach ehrenamtlicher Praxisarbeit noch draußen die Hände von dankbaren Patienten schütteln musste. Er nahm sich vor, sich während der Fahrt zu seiner Wohnung nicht ins Gesicht zu fassen. Außerdem wollte er zuhause gleich die Hände waschen, um das potenzielle Coronavirus loszuwerden. Da war er wieder, der Halo-Effekt.

Die Leserin schaute natürlich gleich nach dem Erscheinungsjahr des Buches (2016) und weiteren Informationen im Internet. Das Virus war bei den Fachleuten schon länger bekannt, spielte aber in der Öffentlichkeit keine Rolle. Das jetzige ist eine neue Variante davon, von dem keiner recht weiß, wie es bei seiner weltweiten Dimension weitergeht.

Deshalb ist große Sorgsamkeit im Umgang miteinander das Gebot der Stunde. Vielleicht gelingt es dann, auch immer wieder einmal unbefangene Lesestunden zu haben.

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