Kommentar

Der Zug ist weg

Gert Häusler über die „relative“ Pünktlichkeit

Zur Pünktlichkeit gibt es viele vorurteilsbehaftete Einschätzungen. So sagt man den Deutschen ein eher strengeres Pünktlichkeitsverhältnis nach, während es in den südlichen Ländern lockerer gesehen würde. Wie weit das mit „den Deutschen“ stimmt, möge jeder in seinem persönlichen Umfeld oder bei sich selbst betrachten.

Dennoch ist in manchen Bereichen Pünktlichkeit ein Credo. So hat das Management der Bahn in seinen Vergütungsplänen einen Bonus, wenn eine bestimmte Grenze von Verspätungen unterschritten wird.

Manchmal dient Pünktlichkeit jedoch auch als Vorwand für kaum zu glaubende Investitionen, wie „Stuttgart 21“ zeigt. Für eine im Jahr 1995 prognostizierte Zeitersparnis von 16 Minuten, wurde ein Bauprojekt mit Neubaustrecke und Tieferlegung des Stuttgarter Bahnhofs aufgesetzt. Anfänglich war es mit 2,6 Milliarden Euro kalkuliert und ist inzwischen bei über acht Milliarden Euro gelandet. Viele der von den nahezu täglichen Mannheim-Stuttgart-Verspätungen Betroffenen würden sich dabei eher über eine ganz „normale“ Fahrplaneinhaltung freuen. Aber vielleicht ging es doch mehr um die durch den Bahnhofsneubau freiwerdenden Innenstadtgrundstücke.

Von einer Pünktlichkeit ganz anders erzählten junge Unternehmer. Auf einer vierwöchigen Bahnreise durch Russland mit Zügen – von modern und komfortabel, wo sie auch ihre Laptop-Büros aufschlagen konnten, bis hin zur grenzwertigen Ausstattung, fuhren sie durch die unendlichen Weiten mit extrem unterschiedlichen Landschaften. Hatte man tagelang nur die Aussicht auf menschenleere Gegenden, war es auf einmal freundlich und blühend. Aufenthalte zwischendurch wurden überwiegend für Einkäufe von frischen Lebensmitteln und Kleinartikeln genutzt.

Bei einem dieser Halte überraschte dann eine unerwartete „Pünktlichkeit“: Schon vor der offiziellen Abfahrtszeit schlossen sich die Wagentüren. Die meisten Einkaufenden wurden von ihren Mitreisenden noch per Smartphone zur Eile angespornt, schnellstens zum Zug zu kommen. Einer, obwohl pünktlich am Bahnhof, konnte seinen Kollegen nur noch schreiben: „Der Zug ist weg“. Der war nämlich 15 Minuten früher als angezeigt losgefahren. Hier hatte sich ein Vorurteil einmal nicht bestätigt, obwohl Überpünktlichkeit ja auch keine Pünktlichkeit ist. Der Reisende konnte sich glücklicherweise mit einem Auto zum nächsten Bahnhof bringen lassen, um dann „seinen“ Zug wieder zu erreichen.

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