Kommentar

Ein Lied für die Brutpartnerin

Volker Widdrat freut sich über den Gesang der Nachtigall

Das morgendliche Konzert beginnt schon in der Dunkelheit. Rotschwanz und Singdrossel machen den Anfang, Rotkehlchen und Zaunkönig stimmen bald mit ein. Kohlmeise, Stieglitz und Buchfink komplettieren den Chor vor Sonnenaufgang.

Die wohl bekannteste Sängerin der Vogelwelt legt allerdings schon viel früher los. Wer derzeit um Mitternacht in den Garten hinaus lauscht, hört vielleicht eine Nachtigall mit ihrem unendlichen Repertoire an Pfeifstrophen. Es singen nur die Männchen, die durch das unermüdliche Schmettern und Flöten eine Brutpartnerin in ihr Revier einladen wollen. Ein herrlicher Gesang! Mit einer komplexen Tonfolge, wie sie nur der besondere Vogel des Monats Mai beherrscht.

Kein Wunder, dass die Nachtigall schon immer Dichter und Komponisten betört hat. Schon Mittelalter-Lyriker Walther von der Vogelweide erwähnt die Meistersängerin als Symbol der Liebenden. „Es war die Nachtigall, und nicht die Lerche“, lässt William Shakespeare die Julia zu ihrem Romeo sagen. „Nachtigall, ick hör’ dir trapsen“, ruft die Berliner Schnauze heute. Georg Friedrich Händel nennt ein Orgelwerk „Der Kuckuck und die Nachtigall“ und Antonio Vivaldi gibt einem Violinkonzert den Namen „Die Nachtigall“.

Die Romantik und die Nachtigall gehören sowieso zusammen wie der Frühling und die Liebenden. Joseph von Eichendorff hat dem Vogel ein Gedicht gewidmet, in dem „im Grünen Amor zielt“. Theodor Storm berichtet in schönen Versen vom „süßen Schall“ der Nachtigall, welche „die ganze Nacht gesungen“ hat. Und in „Der Spinnerin Nachtlied“ erinnert sich Clemens Brentano: „Es sang vor langen Jahren, wohl auch die Nachtigall, das war wohl süßer Schall, da wir zusammen waren.“

Wer nur schwer in den Schlaf findet, sollte ruhig mal in die Natur horchen. Vielleicht singt gerade ein kleiner Vogel mit einer gewaltigen Stimme. Und von dem Gezwitscher aus den Träumen gerufen zu werden, ist ohnehin viel besser als eine abrupte Schlafunterbrechung durch den nervenden Piepston eines Weckers.

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