Kommentar

(Geistige) Einsiedler

Archivartikel

Gert Häusler wundert sich über die Einstellung mancher Zeitgenossen

Wie schön ist doch eine Runde, in der die Themen munter hin- und herwechseln, von ernsthaft und tiefgründig bis hin zur Alberei. Die hieß an unserem Ehepaare-Stammtisch übrigens früher nach einer Serie, in der die bunten Magazine verulkt wurden: „Blond am Freitag“. Trotz unterschiedlicher Themenvorlieben der Stammtischler haben sich irgendwie alle auch am Klatsch beteiligt.

Kürzlich stand bei einem Nachrichtenmagazin der Innenminister im Mittelpunkt. Da haben mich nicht nur die jüngsten politischen Entwicklungen irritiert, noch mehr war es eine Beschreibung des Ministers als Privatmann; die Beobachtungen treffen aber auch auf viele andere zu: Die sehr einseitige Ausrichtung der eigenen Weltsicht und Interessen, oftmals verbunden mit – gewollt oder ungewollt – eingeschränkten allgemeinen sozialen Kontakten. Der besagte Politiker habe seine Schlafgelegenheit gleich in seinem Ministerium und auch kein privates Umfeld in der Hauptstadt. Bei vielen Managern, die an ihrem Arbeitsort oft nur eine „Butze“ als Schlafmöglichkeit haben und die Stadt, in der sie arbeiten, kaum kennen, ist das ebenfalls zu beobachten. Für kulturelle Veranstaltungen oder örtliches Leben haben sie, ob ihrer ausufernd wichtigen Tätigkeit, „keine Zeit“. Horizonte außerhalb ihres Jobs erschließen sich ihnen selten.

Andere verstecken sich im Privaten gelegentlich hinter einem diffusen Bildungs- oder Sozialstatus. Dass sie das „bunte Leben“ nicht an sich heranlassen, ist hierbei vielleicht nur etwas seltsam, im beruflichen und politischen Alltag wird es bedenklich. Wessen Leben hauptsächlich von den Daten und Infos des Computerbildschirms und dem dauernden Umgang mit Partnern seiner „Gewichtsklasse“ bestimmt wird, der sieht wirkliche Menschen irgendwann nur noch als Posten im „Controlling“ und in Strategiedimensionen. Der verstehende Blick auf die Auswirkung etwa von Arbeitsplatzabbau oder Standortschließungen, für Einzelschicksale oder Gemeinwesen geht verloren. Und wessen Nächte überwiegend aus Twitterei und oder Hetztiraden gegen alle möglichen „Feinde“ bestehen, den kann man mit Recht fürchten, zumal die Anfälligkeit für andere eindimensionale Gedankengänge offensichtlich steigt.

Da lobe ich mir den guten alten „Eigenbrötler“, von dem geht nämlich in der Regel keine Gefahr aus. Noch lieber sind mir aber diejenigen, die „mittendrin“ sind im Leben und es in seiner ganzen Vielfalt annehmen.

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