Kommentar

„Taube Nuss“ und „blinde Kuh“

Gert Häusler hat einen neuen Blick auf bestehende Begrifflichkeiten

Neulich kam mir mit Blick auf unsere Parteienlandschaft der Begriff „taube Nuss“ in den Sinn, als ich an Politiker dachte, die noch vor kurzem von sich selbst und vielen anderen in höchsten Tönen gelobt wurden. Zwei Landtagswahlen später ist ihre Bedeutung als zukünftig wichtig merklich zurückgegangen, die „Koordinaten“ haben sich wieder einmal verschoben. Warum mir dabei die „taube Nuss“ einfiel, weiß ich nicht mehr, aber wir sind ja umgeben von solchen Floskeln.

Und wie das mit Begriffen so ist: Manche kommen angeflogen, andere werden bei bestimmten Gelegenheiten so penetrant verwendet, dass man die ausgeleierten Textteile vorhersagen kann. So etwa, als Kanzlerin Angela Merkel ihren geplanten Rückzug aus der Politik verkündete. Es fehlte prompt in keinem Medium der Allgemeinplatz von der lahmen Ente. Hierzu sei Folgendes angemerkt: Der Begriff „lame duck“ steht in den USA bekanntlich für den schwindenden Einfluss eines Politikers, der nicht mehr zur Wiederwahl antritt. Ist es der bequeme Griff in die Floskelschublade („Sportwagenschmiede“ Porsche, „Schraubenkönig“ Würth), der genaueres Formulieren verhindert oder auch nur die pure Gedankenlosigkeit, von der wir alle nicht ganz frei sind?

Herabwürdigende Begriffe bevorzugt aus Behinderungen (lahm, blind, taub) sind in vielen Sprachbildern gang und gäbe. Dies gilt für persönliche Äußerungen ebenso wie für Medien und Internetforen.

Eine zum Nachdenken anregende Gegenstimme versuchen hier seit einiger Zeit die Macher der Internetplattform „Leidmedien.de“ zu schaffen. Unterstützt von der Aktion Mensch und der Initiative Sozialhelden soll ein unverstellter Blick auf Menschen mit Behinderung gefördert werden.

Den Beteiligten geht es darum, eine Teilnahme am „normalen“ Leben ohne vorauseilende Mitleidsbekundungen zu ermöglichen.

Dass das auch im Sinne der betroffenen Menschen ist – sicher nicht alles furchtbar ernst zu nehmend, aber trotzdem trefflich formuliert – zeigen ein paar Sätze aus eine Glosse von Rebecca Maskos, in der sich zwei solcher Wortbilder – „blinde Kuh“ und „taube Nuss“– treffen:

Die „blinde Kuh“ und die „taube Nuss“ sitzen im Café und unterhalten sich. Die „blinde Kuh“ sagt, dass viele Begriffe doch ganz oft vom Körper ausgehen, eben dem, der nicht richtig funktioniert. Als die „taube Nuss“ das akustisch nicht ganz versteht, meint die „blinde Kuh“, das sähe doch ein Blinder mit dem Krückstock und denkt bei sich, manchmal ist sie eine richtig lahme Ente. Auf die Schilderung einer falschen Beratung in einem Geschäft entgegnete die „blinde Kuh“: „Du weißt ja. Lügen haben kurze Beine, die erzählen immer so viel, dass einem Hören und Sehen vergeht, geh doch noch mal hin und mach einen Zwergenaufstand“.

Da fällt der „tauben Nuss“ ein, dass in zwei Stunden die bucklige Verwandtschaft kommt mitsamt dem Onkel – und dieser sei ja seelisch verkrüppelt und politisch auf dem rechten Auge total blind.

Sprache schafft Bewusstsein – oder um es mit den Worten eines Betroffenen zu sagen: „Sollten Sie tatsächlich jemanden treffen, der an den Rollstuhl ,gefesselt‘ ist, binden Sie ihn los und wenden sich ihm unverstellt zu.“

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